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Beurteilungskriterien für Hausarbeiten

von Prof. Dr. Eberhard Dorndorf

I. Inhaltliche Kriterien

1. Anspruchsgrundlagen erkannt

2. Gegennormen erkannt

3. Rechtsprobleme erkannt

4. Argumentation zu den abstrakten Rechtsproblemen

5. Rechtsprechung und Literatur:

  • Umfang der Verarbeitung

  • Inhaltliche Auseinandersetzung

6. Sachverhaltsprobleme

  • Herausarbeitung der für die Subsumtion relevanten Sachverhaltselemente,

  • Argumentation zur Subsumtion der Sachverhaltselemente,

  • Umgang mit den Sachverhaltsproblemen

7. Richtigkeit oder Vertretbarkeit

  • der Lösung oder

  • wenigstens der Lösungsansätze

 

II. Formale Kriterien

1. Geordnete Darstellung nach

  • Anspruchsgrundlagen,

  • einzelnen Anspruchsvoraussetzungen und

  • Gegennormen

2. Gutachtenstil

  • im Aufbau des Gutachtens in den großen Zügen und

  • im Aufbau des Gedankengangs im Einzelnen

3. Verständlichkeit des Gedankengangs, insbesondere logische Verknüpfung der Prüfungsschritte

4. Literatur:

  • Literaturverzeichnis

  • Zitierweise

  • Fußnoten nicht für singuläre Sätze (Fallzitate)

5. Sprachliche Darstellungsweise:

  • Beherrschung der juristischen Terminologie

  • Grammatische Richtigkeit

  • Ausdrucksweise

  • Stil

6. Erhebliche Abwertung der Arbeit bei:

  • groben darstellerischen Mängeln

  • Nichtnachvollziehbarkeit des Gedankengangs

  • Unverständlichkeit über längere Passagen

 

III. Beispiele

1. Beispiel:

Die E r s t b e u r t e i l u n g einer Examenshausarbeit

Die Aufgabe ist von recht hohem Schwierigkeitsgrad. Zwar sind fast alle Rechtsprobleme gut bekannt. Die Schwierigkeiten beruhen auf der Fülle von kleineren und größeren Problemen. Auch in tatsächlicher Hinsicht stellt die Aufgabe Anforderungen.

Verf. kommt durchweg aufgrund zutreffender Lösungsansätze zu vertretbaren Ergebnissen. Rechtsprechung und Literatur werden in großem Umfang sehr gründlich herangezogen. Die Auseinandersetzung mit der Literatur ist außerordentlich sorgfältig und weithin argumentativ.

Allerdings wird die Begründung der eigenen Lösung vielfach zu sehr vernachlässigt. Verf. scheint nach dem Grundsatz zu handeln, der Hinweis auf Rechtsprechung und herrschende Meinung ersetze die Begründung. Oft folgt Verf. der Rechtsprechung des BAG und weist die in der Literatur gegen diese Rechtsprechung vorgebrachten Einwände sorgfältig argumentierend zurück. Über der Argumentation gegen die kritischen Stimmen in der Literatur scheint Verf. aber zu vergessen, dass es nicht in erster Linie darauf ankommt, die Kritik in der Literatur argumentativ zurückzuweisen, sondern dass ebenso die eigene Lösung sorgfältiger Begründung aus dem Gesetz nach den Regeln der Methodenlehre bedarf. Aus der Widerlegung von Einwänden folgt noch nicht ohne weiteres die Begründung der eigenen Lösung.

Daher sind insbesondere die Ausführungen zur Verdachtskündigung nicht gelungen. Verf. setzt sich mit Einwänden in der Literatur sehr eingehend auseinander, die Begründung der eigenen Lösung ist dagegen schwach. Das gilt sowohl für die Zulässigkeit einer Verdachtskündigung überhaupt als auch für die Fragen im Zusammenhang mit der Mitteilungspflicht und der Anhörung des Arbeitnehmers. Die Ausführungen zum Widereinstellungsanspruch sind demgegenüber deutlich besser.

Nicht fehlerfrei sind die Ausführungen zur Zulässigkeit der Klage am Anfang der Bearbeitung. Unter welchen rechtlichen Gesichtspunkten die langatmigen Ausführungen zur Klageart und alsdann auch noch zu den Streitgegenstandstheorien stehen, teilt Verf. nicht mit. Dabei kommt er später richtig auf das Feststellungsinteresse zu sprechen.

Die Darstellungsweise krankt daran, dass Verf. weithin im Urteilsstil schreibt. Auch wird nicht streng genug unterschieden zwischen dem Referat von Meinungen und Argumenten von Rechtsprechung und Autoren einerseits und der eigenen Stellungnahme und ihrer Begründung andererseits. Die Darstellungsweise krankt ferner an ihrer Breite: Verf. hätte sich mehr auf das Wesentliche konzentrieren müssen. Der Gedankengang auch im einzelnen ist meist gut nachvollziehbar, die Ausdrucksweise ist genau und ansprechend. Trotz der außerordentlichen Gründlichkeit im Umgang mit Literatur und Rechtsprechung liegen die Qualitäten der Arbeit eher im gelungen praktischen Zugriff. Insoweit ist die Arbeit trotz der hervorgehobenen Schwächen im ganzen so gelungen, dass sie durchschnittlichen Anforderungen durchaus entspricht.

B e f r i e d i g e n d   (9 Punkte)

 

2. Beispiel:

Die Z w e i t b e u r t e i l u n g einer Examenshausarbeit

Die Bearbeitung leidet ganz augenfällig daran, dass Verf. es zu wenig versteht, die Ergebnisse seiner Recherchen und Überlegungen in überzeugender und nachvollziehbarer Weise darzustellen.

Schon die formale Gliederung ist unglücklich: Im ersten Teil verwirrt Verf. den Leser durch eine unangemessene Vielzahl von Gliederungsebenen, obwohl der Fall nicht besonders schwierig ist. Verfehlt ist erst recht der innere Aufbau der Gliederung im ersten Teil. Aus gutem Grund soll in einem juristischen Gutachten nicht nach unten verwiesen werden. Wozu das führt, wenn man sich an diese Regel nicht hält, zeigt die Bearbeitung: Der Leser verliert über der Lektüre die Orientierung.

Dieser Mangel verstärkt sich durch einen weiteren besonders schweren Mangel. Verf. versteht nicht, eine Subsumtion angemessen darzustellen. Der Leser muss erraten, welche Tatsachen des Sachverhalts Verf. unter welche Tatbestandsmerkmale der Norm subsumiert wissen will. Damit geht einher, dass Verf. den Sachverhalt nicht vollständig ausschöpft und die Feststellung der relevanten Tatsachen immer wieder vernachlässigt.

Schließlich tritt im ersten Teil auch die gedankliche Abfolge zu wenig klar hervor. Der Leser weiß nicht, was gerade geprüft wird und warum es darauf ankommen soll. Diese Unklarheit erstreckt sich über lange Abschnitte. Verf. hat Rechtsprechung und Literatur sorgfältig ermittelt. Es fehlt aber dennoch wiederholt an Begründungen. Die Argumentation ist zum Teil schwach. Verf. wechselt in den Urteilsstil. Andererseits wird Unproblematisches immer wieder zu langatmig abgehandelt.

Die Darstellung lässt erkennen, dass Verf. über beachtliche Kenntnisse verfügt, dass die Lösung im ganzen scharfsinnig durchdacht ist, Rechtsprechung und Literatur recht gründlich herangezogen worden sind und den Ausführungen eine meist vertretbare Lösung zugrunde liegt. All das genügt jedoch nicht, vielmehr kommt es entscheidend darauf an, die Ergebnisse der Bearbeitung dem Leser so darzustellen, dass er sich zu jeder Einzelheit ein eigenes Urteil bilden kann. Hieran fehlt es immer wieder.

A u s r e i c h e n d   (5 Punkte)

 

3. Beispiel:

Die Z w e i t b e u r t e i l u n g einer Examenshausarbeit

Der Erstbeurteilung stimme ich in allen wesentlichen Punkten zu. Die Arbeit kommt mit den meist richtigen Begründungsansätzen zu vertretbaren Ergebnissen. Es fehlt aber weithin an hinreichender Begründung.

Die Auseinandersetzung mit Rechtsprechung und Literatur ist viel zu schwach, oft fehlt sie überhaupt. Die Argumentation ist bei der Erörterung der Rechtsprobleme durchweg zu dürftig. Oft fehlt jede Begründung der eigenen Stellungnahme. Verf. lässt oft vielmehr den Hinweis auf die Rechtsprechung als Begründung genügen. Probleme werden nicht erkannt oder im einzelnen dogmatisch unklar abgehandelt.

Die genannten schweren Mängel werden jedoch dadurch gemildert, dass die Lösung im großen und ganzen einen praktischen, zutreffenden Zugriff erkennen lässt. Auch ist die Darstellungsweise im großen und ganzen recht ansprechend.

A u s r e i c h e n d   (5 Punkte)