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Anke Holznagel, wiss. Mitarbeiterin

Vortrag zur Rechtsethnologie

Die Rechtsethnologie verfolgt das Anliegen insbesondere in schriftlosen, aber auch in anderen gering ausdifferenzierten (vorstaatlichen) Gesellschaften universale bzw. partikulare Konstrukte sozialer Normierung aufzuzeigen, aber auch Institutionen der Streitregelung zu analysieren.

Vorbemerkung

Diese Arbeit wurde im Rahmen des im Wintersemester 1999/2000 von Herrn Prof. Dr. Bernd H. Oppermann und von Herrn Prof. Dr. Hubert Treiber veranstalteten Seminar "Privatrechtsordnung und Rechtsanthropologie" an der Universität Hannover, Fachbereich Rechtswissenschaften erstellt. Sie beruht im wesentlichen auf einer Zusammenfassung des Werkes von Franz von Benda-Beckmann, Property in Social Continuity, Continuity and Change in the Maintenance of Property Relationships Through Time in Minangkabau, West Sumatra, 1979.

Durch diesen Beitrag wird deutlich, wie in einem pluralistischen Rechtssystem, hier in Minangkabau, insbesondere das lokale Gewohnheitsrecht, das sog. Adat, und das geschriebene Recht nebeneinander bestehen bzw. sich gegenseitig beeinflussen können.

Des weiteren wird herausgearbeitet, wie in einzelnen Bereichen ein gesellschaftlicher Wandel, insbesondere ein Prozeß zunehmender Autonomisierung, stattfinden konnte, ohne daß sich das in Minangkabau trotz der Islamisierung bestehende matrilineare System, das auch einen großen Eifnluß auf das Recht hat, sowie das Rechtssystem an sich grundlegend verändert haben.

Bemerkenswert erscheint es, daß in Minangkabau seit Jahren mit Mitteln der außergerichtlichen Streitregelung und Konfliktvermeidung gearbeitet wird, die zu einem Vergleich mit dem Mediationsverfahren herausfordern.

Eigentum und Erbschaft bei den Minangkabau in West Sumatra

von Anke Holznagel, wiss. Mitarbeiterin

 

Gliederung

I. Einleitung

II. Die sozialpolitische Organisation in Minangkabau

1. Matrilinearität

2. Die Gruppen

3. Die Autorität

a) Die Autorität einzelner durch soziale Positionen

b) Die Autorität durch Ämter

c) Die Autorität der Gruppen

III. Die pluralistische Situation bei den Minangkabau

1. Die verschiedenen Rechtssysteme

a) Adat

b) Islamisches Recht

c) Geschriebenes Recht

2. Die Anwendung der verschiedenen Rechtssysteme in Minangkabau

a) Die Entwicklung und das Verhältnis der verschiedenen Rechtssysteme

b) Die Anwendung dieser Rechtssysteme

c) Die Realisierung dieser Rechtssysteme durch die Minangkabau

IV. Die Entwicklung des Systems der Eigentums- und Erbschaftsbeziehungen

in Minangkabau

1. Das Adat

a) Das Harato Pusako

aa) Vererbung

bb) Nutzungsrechte am Harato Pusako

cc) Die Verfügung über das Harato Pusako

dd) Die Rechtsbeziehungen zum Harato Pusako

b) Das Harato Pancaharian

c) Die Pancaharianisierung des Harato Pusako

d) Die Pusakoisierung des Harato Pancaharian

e) Die Beschränkungen der Verfügungsfreiheit

2. Der Einfluß der beiden anderen Rechtssysteme

a) Islamisches Recht

b) Der Einfluß des islamischen Rechts auf Eigentums- und

Erbschaftsangelegenheiten in Minangkabau

c) Das geschriebene Recht

d) Geschriebenes Recht in den Eigentumsbeziehungen der Minangkabau

V. Streitigkeiten in Eigentums- und Erbschaftsangelegenheiten

1. Streitigkeiten in einem Kaum

2. Streitigkeiten zwischen mehreren Kaum

3. Probleme, die aus der Vernichtung eines Buah Gadang resultieren

4. Intergruppale Beziehungen

5. Der Kinder-Kamanakan-Konflikt

6. Konflikte zwischen den Kindern

VI. Die Mittel der Konfliktvermeidung als Ausdruck der zunehmenden

Individualisierung

1. Die Möglichkeiten der Einflußnahme durch den Eigentümer

2. Die Möglichkeiten der Einflußnahme durch die potentiell Begünstigten

VII. Zwischenergebnis: Die Folgen der Entwicklung des Adat-Systems in

Eigentums- und Erbschaftsangelegenheiten

VIII. Die Ursachen und Auswirkungen der Veränderungen in Minangkabau

1. Die Ursachen der Veränderungen

2. Die Auswirkungen der Veränderungen

IX. Hak Milik: Ein neues Konzept der Eigentumsbeziehungen?

I. Einleitung

Die Minangkabau leben an der Westküste Sumatras. Das traditionelle Minangkabau besteht aus dem heutigen West Sumatra und Indonesien. Der Kern von Minangkabau liegt in den Padang Highlands.
Im 14. Jahrhundert wurde dort ein Königreich errichtet. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte der König jedoch kaum noch Macht. Die Welt der Minangkabau bestand aus Dorfstaaten, den sog. Nagari, die autonom erschienen.
Erwähnenswert sind auch die Padri-Kriege, die ab dem Jahre 1803 stattfanden. Es handelte sich um eine orthodox religiöse Bewegung, deren Angehörige sehr streng gläubig waren. 
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die holländische Kolonialherrschaft in den Padang Highlands etabliert. Mit Unterstützung der Holländer konnten die Padri-Kriege 1837 beendet werden. Seitdem besteht ein reguläres Verwaltungssystem: West Sumatra wurde in acht Bezirke unterteilt (sog. Kabupaten), die von sog. Bupati geleitet werden. Jeder dieser Bezirke ist in fünf bis zehn Unterbezirke unterteilt (sog. Kecamatan), die von einem Camat geleitet werden. Die Unterbezirke bestehen wiederum aus fünf bis zehn Nagari. 86 % der Bevölkerung leben dauernd in den Nagari.[2] Neben den acht Bezirken gibt es fünf Städte, die ihre eigene Verwaltung haben und zusammen 35 Nagari beinhalten.

Minangkabau eignet sich besonders gut für eine Untersuchung der Eigentums- und Erbschaftsangelegenheiten, da einige Besonderheiten zu verzeichnen sind: Das Rechtssystem in Minangkabau ist pluralistisch: Es gibt zunächst das einheimische System des Gewohnheitsrechts, das sog. Adat. Daneben gelten auch Regeln des islamischen sowie des geschriebenen, d.h. gesetzlichen Kolonial- und Nationalrechts.
Des weiteren sind entscheidende Veränderungen im Eigentums- und Erbschaftsrecht zu verzeichnen, d.h. es fand ein Prozeß zunehmender Autonomiesierung in diesem Bereich statt. Diese Veränderungen sind insbesondere deswegen beeindruckend, weil sie ohne wesentliche rechtliche Änderungen in einer Gesellschaft stattfinden, die immer noch an der Ideologie matrilinearer Abstammung festhält. 
Das Eigentums- und Erbschaftssystem und seine Veränderungen sind aber nicht isoliert, sondern nur unter Betrachtung der sozialpolitischen Organisation verständlich. Auch das pluralistische Rechtssystem ist insofern von Bedeutung. Deshalb sind diese Aspekte im Folgenden zunächst zu erläutern.

 

II. Die sozialpolitische Organisation in Minangkabau[3]

Die Minangkabau sind in vielen Gruppen organisiert, die sich zum Teil auch überschneiden.

 

1. Matrilinearität

Große Bedeutung für alle Bereiche des sozialen Lebens hat die matrilineare Abstammung, nach der auch die grundlegenden sozialpolitischen Einheiten geordnet sind. Sie ist weiterhin bedeutend für die Herrschaftsreihenfolge über bestimmte Personen oder Gruppen. Weiterhin beinhaltet sie einen Anhaltspunkt für die kontinuierliche Beibehaltung von Autorität und von Eigentumsbeziehungen. Dabei erfolgt die Abstammung und die Abtammungsgruppenbildung grundsätzlich über die weibliche Linie. Jede Person definiert sich über eine Sub-Lineage (Paruik, matrilineare Verwandschaftsgruppe, die in einem Haus (traditionell im rumah gadang) zusammenlebt), Lineage (Payung, Gruppe von miteinander verbundenen Häusern unter einem Lineage-Oberhaupt, i.d.R. dem Panghulu[4]) und den Klan (Suku, Gruppe verbundener Lineages, die sich auf eine gemeinsame genealogische Gruppe mit einer gemeinsamen Ahnin berufen) der Mutter.
Die Mitglieder des Nagari werden nach matrilinearer Abstammung in Gruppen unterteilt, d.h. ein Nagari besteht aus mehreren Suku, ein Suku aus mehreren Lineages, und eine Lineage aus mehreren Sublineage.
Jeder Minangkabau und jede Gruppe muß einem Suku angehören. Ferner müssen wenigstens vier Suku bestehen, damit ein Gebiet zu einem Nagari erklärt wird.
Neben den matrilinearen Gruppen ist die Bevölkerung eines Nagari auch durch politische Vereinbarungen und territoriale Abgrenzungen sowie durch soziale Schichtungen[5] unterteilt.
Die Matrilinearität ist insbesondere im heutigen Minangkabau nicht mehr das einzige Prinzip. Beziehungen durch Heirat, Verwandtschaft sowie das Vater-Kind-Verhältnis gewinnen an Bedeutung.

 

2. Die Gruppen

Innerhalb eines Nagari gibt es verschiedene Gruppen. Die wesentlichen Gruppen sind der Buah Gadang und der Kaum, die kontinuierlich bestehen und als geordnete Einheit der Nagari-Verfassung zu verstehen sind.
Die grundlegenden sozialpolitischen Einheiten werden Buah Gadang genannt. Ein Buah Gadang wird in der Regel als Einheit bezüglich seiner Titel, Eigentum, Erbschaft, Grabstelle etc. betrachtet. Er kann aus einer matrilinear abstammenden Linie bestehen, was aber nicht zwingend ist. Alle Gruppenmitglieder werden als Kamanakan (was Kinder der Schwester bedeutet, d.h. Nichten und Neffen)  bezeichnet.
Nach dem Adat können Fremde die Nagari-Bürgerschaft nur erhalten, wenn sie in einem Buah Gadang eingegliedert sind. Deshalb gibt es vier verschiedene Arten von Mitgliedern: Es gibt einmal Mitglieder, die durch Geburt, d.h. durch direkte matrilineare Abstammung dem Buah Gadang angehören. Daneben gibt es Personen, deren Zugehörigkeit zum Buah Gadang auf Adoption zurückgeht. Eine weitere Gruppe bilden Fremde und deren Nachkommen, die sich mit einem Buah Gadang vereinigt haben. Die letzte Gruppe bilden die Nachkommen früherer Sklaven.
Alle Gruppenmitglieder (Kamanakan) gehören der sozialpolitischen Autorität ihres Panghulu, des Oberhaupts des Buah Gadang an, der alle Gruppenmitglieder im Nagari vertritt. Es bestehen aber Standesunterschiede der verschiedenen Gruppen in einem Buah Gadang. So haben beispielsweise nur die Gruppenmitglieder, die durch Geburt oder Adoption dem Buah Gadang angehören, das Recht der Eigentumsverteilung.
Ein Buah Gadang kann in zwei oder mehrere Untergruppen, sog. Kaum unterteilt sein[6]. Durch die Unterteilung des Buah Gadang in Kaum wird eine formale Teilung des gemeinsamen Eigentums vollzogen, aber nicht die der Anführerschaft des Panghulu. Die Kaum haben Führer, die über interne Eigentumsangelegenheiten herrschen. In dieser Hinsicht vertreten sie ihren Kaum auch vor Gericht. Der Panghulu behält aber die höchste Autorität in Eigentumsangelegenheiten. Nach dem Adat behält auch ein Buah Gadang, der aus mehreren Kaum besteht, sein Eigentum. Die Eigentumsverteilung innerhalb des Buah Gadang bzw. seinen Kaum ist nur intern gültig. Auf der anderen Seite wird das Eigentum der Kaum aber von den staatlichen Gerichten anerkannt, da der Kaum in diesen Angelegenheiten ja auch von seinem Kaum-Führer, und nicht vom Panghulu vertreten wird.
Ein Buah Gadang kann auch gespalten werden, so daß zwei neue Buah Gadang entstehen. In diesem Fall geht der Aufspaltung regelmäßig erst eine Unterteilung des Buah Gadang in Kaum voraus. Es gelten grundsätzlich die gleichen Regeln wie bei den Unterteilungen (Kaum). Zusätzlich muß allerdings ein neuer Panghulu eingerichtet werden[7].
Die gegenseitigen Beziehungen, die hierarchische Ordnung und die Bildung kleinerer Gruppen in einem Buah Gadang ist in der Verfassung des Nagari geregelt. Diese besteht teilweise aus Adat, das Prinzipien beinhaltet, wie ein Nagari zusammengesetzt sein muß, und teilweise aus verfassungsmäßigen Vereinbarungen, die von den politischen Führern eines Nagari getroffen werden.
Ein Kaum oder Buah Gadang bestehen in der Regel aus mehreren Jurai.
Dies ist eine Gruppe, die eine gemeinsame mütterliche Vorfahrin hat (Blutsverwandte), unabhängig von ihrer formalen Struktur. Jurai kann also einerseits nur eine Mutter mit ihren Kindern bezeichnen, andererseits aber auch einen Kaum oder Buah Gadang. In der Regel wird der Begriff „Jurai“ dazu verwendet, um eine matrilineare Abstammung innerhalb der formalen Gruppe, d.h. innerhalb eines Kaum oder Buah Gadang zu bezeichnen.

 

3.  Die Autorität

Nach dem Adat ist auf der einen Seite die Autorität von einzelnen Personen über andere Personen durch soziale Positionen, z.B. die eines Panghulu anerkannt. Diese Autorität beruht auf hierarchischer Über- bzw. Unterordnung. Auf der anderen Seite besitzen aber auch Gruppen Autorität, wodurch die Autorität einzelner Personen beschränkt wird.

a)  Die Autorität einzelner durch soziale Positionen
Jede Gruppe hat unabhängig von ihrer Größe einen Anführer (Mamak), der über die Gruppe Autorität ausübt und sie nach außen vertritt. Er sorgt auch dafür, daß die Ordnung innerhalb der Gruppe erhalten bleibt.[8] Der Mamak ist in der Regel der älteste Verwandte der mütterlichen Seite der Gruppe. Seine Einsetzung erfolgt daher automatisch.
Die älteste Frau in einer Gruppe hat hingegen die höchste Autorität in internen Gruppenangelegenheiten (auch in Eigentumsangelegenheiten). In diesem Bereich ist sie dominierend und steht sogar über dem Mamak. Der Autorität der Frau im Haus steht also die Repräsentation durch den Mamak in der Öffentlichkeit gegenüber.
Der Vater hat nach dem Adat nur wenig Autorität. Er nimmt aber an Entscheidungen teil, die die Eigentumsangelegenheiten der Kinder betreffen. Das Adat wurde aber durch islamische Vorstellungen modifiziert, so daß der Vater seine Kinder beispielsweise in Religionsangelegenheiten vertritt. Ferner hat die Autorität des Vaters durch den abnehmenden Einfluß der großen Gruppen und damit des Mamaks sowie die zunehmende Bedeutung der Kleinfamilien in den letzten 150 Jahren erheblich zugenommen. Die Ehemänner leben heute auch tagsüber in den Häusern der Frauen, zahlen finanzielle Beiträge, z.B. die Schulgebühren der Kinder. Man kann aber keinesfalls davon sprechen, daß die Autorität des Mamak auf den Vater übergegangen ist, sie hat sich vielmehr auf die Mütter konzentriert.

b)  Die Autorität durch Ämter
Alle führenden Positionen eines Buah Gadang kommen durch Ämter zur Geltung. Der Panghulu ist der Führer eines Buah Gadang, der einstimmig von der Gruppe gewählt wird[9].
Neben dem Amt des Panghulu gibt es noch weitere Ämter, deren Inhaber dem Panghulu bei der Verwaltung des Buah Gadang helfen (panungkek) oder ihn insbesondere in Angelegenheiten des Adat beraten.
Innerhalb eines Buah Gadang steht der Panghulu auf der höchsten Stufe der Hie-rarchie, gefolgt von dem Mamak, der wiederum Autorität über die Kamanakan hat.
Diese Hierarchie ist für den Prozeß der Entscheidungsfindung bedeutsam: Konflikte sollen auf der niedrigsten Stufe gelöst werden. Nur wenn dies nicht möglich ist, soll die nächsthöhere Ebene in Anspruch genommen werden. So lehnen auch die staatlichen Gerichte oft einen Fall ab, solange dieser noch nicht von der Adat-Hierarchie im Nagari behandelt wurde[10].
Des weiteren müssen Entscheidungen, die auf einer höheren Stufe getroffen werden, dieser Hierarchie entsprechend umgesetzt werden.

c)  Die Autorität der Gruppen
Autorität kann auch durch Gruppen ausgeübt werden. Dabei sind die Prinzipien der Einigkeit und Gleichheit bedeutend. Alle Entscheidungen, die die Gruppe betreffen, müssen durch gemeinsame Beratung und einstimmig erfolgen. Die wichtigsten Angelegenheiten im sozialen und politischen Leben sind Gruppenangelegenheiten und beschränken die Autorität einzelner Personen. Oft nehmen aber auch nur die Führer der einzelnen Untergliederungen an den Beratungen teil. Es kommt auch vor, daß die Entscheidungen bereits vor der eigentlichen Abstimmungen gefällt werden. Dabei wird die angestrebte Gleichheit oft durch persönliche Autorität, wirtschaftlichen Status und Machtquellen außerhalb des Adatsystems beeinflußt[11].
Die höchste Autorität innerhalb des Dorfes besitzt die Adat-Ratsversammlung. Diese setzt sich aus den einzelnen Panghulu (Lineageoberhäuptern) und anderen Funktionären zusammen. Die Hauptaufgabe ist das Schlichten von Streitigkeiten, die sowohl strafrechtliche als auch zivile Angelegenheiten betreffen und nicht auf einer unteren Ebene geschlichtet werden konnten.
Die Differenzierung der Autorität in die von einzelnen Personen und von Gruppen ausgeübte fließt in der Praxis ineinander über. So liegt die Verwaltung beim Mamak und ist insoweit hierarchisch als die Entscheidungen einer höheren Gruppe vollstreckt werden müssen bzw. Angelegenheiten des täglichen Lebens betroffen sind. Sobald Entscheidungen aber die ganze Gruppe betreffen, bildet die Gruppe ein politisches System, in dem die Autorität auf die einzelnen Gruppenmitgliedern verteilt ist.
 

III. Die pluralistische Situation bei den Minangkabau[12]

In Minangkabau bestehen drei verschiedene Rechtssysteme:

 

1.  Die verschiedenen Rechtssysteme

In Eigentums- und Erbschaftsangelegenheiten kann entweder Adat bzw. Adat-Recht, islamisches Recht oder geschriebenes Recht Anwendung finden.

 

a)  Adat
Das Adat bezieht sich auf alle Bereiche des sozialen Lebens. Es bezeichnet das „gesamte System des Lehrens und dessen Beachtung, das das Leben der Indonesier bestimmt und das Ausdruck der Vorstellung des Menschen und der Welt ist“[13].
Adat kommt durch viele poetische und rhythmische Sprichwörter und Sagen zum Ausdruck. Zu unterscheiden sind dabei Sprichwörter, Adat Regeln und Grundsätze des Adat. Es gibt auch einige Regelungskomplexe, die von den anderen Redensarten und Traditionen des Adat zu unterscheiden sind, wie z.B. die Gesetze über die Verfassung des Nagari, oder über das Nagari-interne Leben, aber auch Erbschaftsregeln. Die meisten Sprichwörter des Adat sind oft nicht eindeutig, manchmal enthalten sie sogar nur Anspielungen, und bedürfen deshalb der Interpretation.
Adat wurde entweder von den Vorfahren bzw. durch generelle Bräuche, Sitten und Traditionen (reines Adat), vom Rat des Nagari bzw. durch Zeremonien geschaffen.
Der Begriff „Adat“ wird auch dazu gebraucht, bestimmte soziale Beziehungen zu spezifizieren. So wird beispielsweise vom Adat der Erbschaft gesprochen.
Das Adat-Recht[14] besteht aus vielen konkreten und generellen Regeln. Es ist aber sehr flexibel: Innerhalb dieses Rechtssystems zählen einstimmige, harmonische Entscheidungen mehr als die strikte Anwendung der vorhandenen Regeln[15]. So kann eine Adat Regel auch geändert werden, wenn in einer bestimmten Situation eine gemeinsame Entscheidung getroffen werden kann, die eigentlich der materiellen Adat Regel widerspricht.
Die Veränderung[16] der generellen Regeln zeigt sich anhand der konkreten Entscheidungen. Im Adat werden konkrete Entscheidungen durch gemeinsames Beraten, das zu einem einstimmigen Beschluß führt, gefällt[17]. Dabei bestehen nur strenge prozessuale, nicht aber inhaltlich strenge Regeln. Adat kann aber auch durch Anpassung an veränderte Umstände oder durch formelle Änderungen des Adat-Rates verändert werden.
In den staatlichen Gerichten wird hingegen die Lehre von der Rechtsanwendung benutzt, d.h. die konkreten Entscheidungen werden durch vorhandenes Recht legitimiert, ohne daß es auf eine Übereinstimmung der Parteien ankommt[18]. Deshalb behandeln die Gerichte Veränderungen rechtlicher Vorstellungen auch anders: Früher wurde holländisches Recht angewandt, wenn ein Problem nicht mit existierendem Adat gelöst werden konnte. Heute erkennen die Richter aber an, daß sich auch Adat verändern kann, Adat sei das Recht der Leute, das deren gewöhnliche Verhaltensmuster und deren Gerechtigkeitsvorstellungen widerspiegele. Wenn nun die Verhaltensmuster und Gerechtigkeitsempfindungen sich änderten, ändere sich auch das Adat. Nach Ansicht der Richter seien sie diejenigen, die feststellten, ob sich eine Änderung des Rechts aufgrund sozialer Veränderung ereignet habe. Damit haben sie es aber auch in der Hand, den sozialen Wandel, der nicht ihren Vorstellungen entspricht, als Rechtswandel zu leugnen.

 

b)  Islamisches Recht
Das islamische Recht ist stark mit der Religion verbunden.
Die islamischen religiösen Verfügungen sind in fünf Bewertungssätze unterteilt, bei denen es sich um generelles Recht handelt. Danach gibt es Verhaltensweisen, die streng verboten sind, von denen abgeraten wird, denen das Recht gleichgültig gegenüber steht, zu denen positiv geraten wird sowie solche, die streng vorgeschrieben sind.
Daneben existieren Rechte und Pflichten des einzelnen, die von den vier Rechtsquellen, d.h. dem Koran, den Traditionen und Praktiken der Propheten, den Prinzipien der Analogie und der Übereinstimmung des Gelernten abgeleitet werden.

 

c)  Geschriebenes Recht
Bei dem geschriebenen Recht handelt es sich um holländische kodifizierte Rechtsregeln, die in den holländischen Kolonien anerkannt waren bzw. dort verkündet wurden sowie um Gesetze, die von den Verwaltungsinstitutionen der Kolonialmacht und später von den Indonesiern geschaffen wurden.
Mit dem geschriebenen Recht sollte durch detaillierte kodifizierte Regeln eine möglichst vollständige Lösung des Problems bezweckt werden. Dadurch wurde den Richtern wenig Ermessensspielraum gelassen.

 

2.  Die Anwendung der verschiedenen Rechtssysteme in Minangkabau

Da in Minangkabau heute drei verschiedene Rechtssysteme bestehen, bedarf es Kollisionsregeln, die bestimmen, welches Rechtssystem anzuwenden ist:


a)  Die Entwicklung und das Verhältnis der verschiedenen Rechtssysteme
Durch die Kolonialisierung wurden verstärkt Kolonialregeln in das Gebiet der Minangkabau eingeführt. 1821 wurde mit der holländischen Regierung in Padang ein Vertrag geschlossen, durch den die Regionen des Reiches der Minangkabau übergeben wurden. Ab 1825 wurden Kolonialgerichte etabliert, die aber zu Beginn noch sehr zurückhaltend waren und quasi als Berufungsgerichte fungierten.Im Jahre 1875 wurden die Dorfgerichte abgeschafft (und 1935 wieder eingeführt). Lediglich die untersten Gerichte für die Minangkabau waren nun noch mit diesen besetzt und konnten Adat anwenden, mußten jedoch holländischen Prozeßregeln folgen. Trotz dieser Veränderungen wurde Adat weiterhin angewendet. Selbst die holländischen Richter nahmen Streitigkeiten teilweise solange nicht an, bis nicht die Parteien die Entscheidung eines Adat-Funktionärs herbeigeführt hatten. Im Jahre 1848 wurden die ersten Kollisionsregeln eingeführt. Danach sollte das Recht passend zu der jeweiligen Bevölkerungsgruppe angewendet werden. Dies bestätigte auch die neue Verfassung von 1925, nach der das Adat neben dem europäischen Recht für die Minangkabau weiter in Kraft blieb und nur dadurch begrenzt wurde, daß es den europäischen Prinzipien der Gleichheit und Gerechtigkeit nicht widersprechen durfte. Insbesondere im Bereich von Eigentum und Erbschaft gab es nur wenig holländisches Recht, das auf die Minangkabau anwendbar war.
Nach der Unabhängigkeit (17. August 1945) wurde das einheitliche Gerichtssystem wieder eingeführt. Seitdem gibt es in Minangkabau Gerichte erster Instanz, Berufungs- und Revisionsgerichte.
Im Jahre 1968 wurde zudem die Verwaltungsstruktur geändert, d.h. die Regierung eines Nagari mußte nun aus einer Art Bürgermeister und dem Rat bestehen.
Islamische Institutionen wurden nicht eingeführt, so daß keine Kollisionsregeln erforderlich waren. Islamisches Recht wurde aber mittelbar durch die Padri-Kriege in das System des Adat integriert und beeinflußt auf diese Weise die Rechtsprechung.

 

b)  Die Anwendung dieser Rechtssysteme
Die staatlichen Gerichte wenden Adat (Recht) oder geschriebenes Recht, nicht aber islamisches Recht an[19]. Die meisten Urteile basieren auf Adat[20]. Geschriebenes Recht wird nur selten zur Grundlage von Urteilen gemacht. Problematisch bei der Anwendung des Adat ist aber, daß die Richter an den juristischen Fakultäten zwar Kurse im Adat haben, diese aber nur das Adat nach holländischem Verständnis und nicht nach dem der Minangkabau behandeln. So können diese Richter beispielsweise in Erbschaftsangelegenheiten nur schwer die Abstammung innerhalb eines Buah Gadang beurteilen. Die Urteile dieser Richter werden von der Bevölkerung als nicht in Übereinstimmung mit dem Adat angesehen. Etwas anderes gilt nur, wenn die Richter selber Minangkabau sind.
Die religiösen Gerichte, die allerdings nicht für Eigentums- und Erbschaftsangelegenheiten zuständig sind, wenden islamisches Recht an. Innerhalb eines Nagari wenden die Adat-Institutionen und Funktionäre Adat an.
Auch die Bevölkerung wendet zumindest in Eigentumsangelegenheiten ausschließlich Adat an. Etwas anderes gilt heute hinsichtlich der Erbschaft des vom Vater selbst erworbenen Vermögens, die eher islamischen Regeln folgt[21].

 

c)  Die Realisierung dieser Rechtssysteme durch die Minangkabau
Die meisten Dorfbewohner in Minangkabau haben nur eine vage Kenntnis vom geschriebenen Recht. Geschriebenes Recht wird aber an den Universitäten gelehrt, so daß die Richter der Minangkabau sich damit auskennen.
Dagegen sind den Minangkabau die generellen Prinzipien des islamischen Rechts beispielsweise durch die Erziehung oder den Religionsunterricht besser bekannt.
Die Kenntnis der Dorfbevölkerung vom Adat ist hingegen sehr gut, selbst wenn auch hier manches den Experten (z.B. den Panghulu) vorbehalten ist.
Schon die Kinder lernen Adat durch Beobachtung und Nachahmung der Älteren, durch Zeremonien, Adat-Redensarten etc. Wichtig ist insbesondere das Adat des eigenen Nagari. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es auch Bücher über das Adat, die in der Regel von einem Panghulu veröffentlicht werden.
Heute hat die Bedeutung des Adat jedoch mehr und mehr abgenommen. Die jüngere Generation plant teilweise ein Leben außerhalb des Nagari und lernt so kaum noch Adat. Auch die Autorität des Panghulu hat abgenommen.

IV.  Die Entwicklung des Systems der Eigentums- und Erbschaftsbeziehungen in Minangkabau[22]

Die Eigentums- und Erbschaftsangelegenheiten der Minangkabau werden überwiegend nach Adat beurteilt.

 

1.  Das Adat

Nach dem Adat können Eigentumsbeziehungen in Minangkabau nicht isoliert betrachtet werden. Sie sind vielmehr ein Aspekt sozialer und politischer Beziehungen und auch nur vor diesem Hintergrund zu begreifen.
Auf der Ebene der sozialpolitischen Autorität über das Eigentum gibt es zunächst einmal sog. Treuhandland (tanah ulayat). Dabei handelt es sich um nicht kultiviertes Land, das im Eigentum der Regierung oder der Gründer-Panghulu bzw. Buah Gadang steht und das von den Bewohnern des Nagari genutzt werden kann. Daneben ist das sog. Pusako (= mütterliche Abstammung und Erbschaft) zu nennen, das von Generation zu Generation matrilinear weitergegeben wird. Weitergegeben werden kann in diesem Sinne materielles Eigentum, wie z.B. Land und bewegliche Sachen, aber auch immaterielles Eigentum, beispielsweise Titel.
Die Beziehungen auf der Ebene des Gebrauches und der Nutzung durch einzelne Personen oder Personengruppen konzentrieren sich um das Konzept der materiellen Eigentumsobjekte (Harato). Dabei sind das geerbte Eigentum bzw. Gemeinschaftseigentum, das sog. Harato Pusako, das selbst bzw. individuell erworbene Eigentum, das sog. Harato Pancaharian, und das von den Ehegatten gemeinsam erworbene Eigentum (Harato Suarang) zu nennen. Bedeutsam ist insbesondere die Unterscheidung zwischen dem Gemeinschafts- und dem individuell erworbenen Eigentum sowie von „unreinem“ individuell erworbenen Eigentum, das mittelbar aus Gemeinschaftseigentum finanziert wird. Diese Eigentumskategorien sind im Folgenden insbesondere vor dem Hintergrund ihrer historischen Entwicklung darzustellen.

a)  Das Harato Pusako[23]
Die Grundidee des Systems der Eigentumsbeziehungen der Minangkabau ist, daß Eigentum generell zur Erbschaft gehört und durch die Generationen, die matrilinear voneinander abstammen, weitergegeben und somit der Gruppe erhalten wird. Harato Pusako wird als unantastbares Land der Ahnen definiert[24].
aa) Vererbung

Die Vererbung (der Nutzungsrechte) erfolgt matrilinear. Bei Frauen erben zunächst deren Kinder. Anderenfalls, d.h. wenn der Verstorbene ein Mann ist oder die Frau keine Nachkommen hat, erbt zuerst die nächsthöhere Generation mütterlicherseits, die ggf. durch ihre Abkömmlinge repräsentiert wird. Das geerbte Eigentum ist das gemeinsame Eigentum einer matrilinearen Gruppe. Eine Aufteilung des Gemeinschaftseigentums an die einzelnen Gruppenmitglieder erfolgt in der Regel nicht. Dieses Eigentum muß gehütet und vor allem auch erweitert werden. In diesem Sinne wurde auch individuell erworbenes Eigentum zu Gemeinschaftseigentum (Pusakoisierung des Harato Pancaharian).
bb) Nutzungsrechte am Harato Pusako

Die Fähigkeit des einzelnen Mitglieds des Kaum, das Gemeinschaftseigentum zu nutzen, ist durch (vererbbare) Verteilung und durch (nicht vererbbare) Zuweisung dieses Eigentums möglich.
Zunächst einmal war es möglich, das Gemeinschaftseigentum, insbesondere Ländereien an eine Frau und ihren Jurai zu verteilen. Durch die Verteilung, die auf Veranlassung des Mamak bei einem Treffen des Kaum einstimmig entschieden werden mußte, erhielt jeder so viel er brauchte. Die Empfänger erhalten das exklusive Recht zum Gebrauch und Konsum des Verteilten. Dieses Nutzungsrecht wird der Frau und ihrem Jurai zunächst einmal fortwährend gegeben, d.h. es ist auch vererblich, was aber nicht ausschließt, daß später eine Umverteilung der Nutzungsrechte an dem Harato Pusako erfolgen kann. Wenn bei der Zusammenkunft des Kaum keine Einstimmigkeit bezüglich der Verteilung des geerbten Eigentums erreicht werden konnte, mußte zunächst versucht werden, den Streit beizulegen. War dies nicht möglich, konnte dies zu einem dauernden Gruppenbruch führen, durch den auch das Gemeinschaftseigentum geteilt werden mußte.
Außer der Verteilung ist es möglich, Eigentumsobjekte zeitlich begrenzt an einzelne Gruppenmitglieder zur Nutzung zuzuweisen. Dies geschieht gewöhnlich bei der Heirat. In diesem Fall kann dem Mann Gemeinschaftseigentum zum Gebrauch zugewiesen werden. Über das zugeteilte Eigentum entscheidet die älteste Frau. Die Zuweisung ist im Unterschied zur Verteilung nur zeitlich, so daß das Nutzungsrecht an die Gruppe zurückfällt, wenn der Zugewiesene stirbt, es sei denn, es wird entschieden, daß das Zugeteilte bei den Erben des Verstorbenen bleiben soll. Diese Entscheidung trifft die Mutter bzw. wenn diese nicht mehr lebt die älteste Schwester. Diese hat ohnehin als erste Tochter viel Harato Pusako zugeteilt bekommen, so daß die Zuteilung an die jüngeren Geschwister erheblich geringer ausfallen kann. Aus diesem Grund kontrolliert die älteste Schwester im Jurai und später der Jurai im Kaum bzw. der älteste Kaum im Buah Gadang das meiste Gemeinschaftseigentum, was zu Unzufriedenheit und Abspaltungen führen kann.

cc) Die Verfügung über das Harato Pusako

Die Veräußerung bzw. Übertragung des Gemeinschaftseigentums ist grundsätzlich nicht möglich. Das Eigentum soll der Gruppe erhalten bleiben. Die lebende Generation kann das Gemeinschaftseigentum zwar nutzen, muß es aber für weitere Generationen hüten. Aus diesem Grund sind entfremdende Übertragungen dieses Eigentums nur sehr begrenzt möglich und dauernde Veräußerungen streng verboten:
So kann Harato Pusako nur gültig veräußert werden, wenn es für den Hausbau eines Mitbewohners des Nagari verwendet wird und alle Mitglieder des Buah Gadang sowie der Panghulu einverstanden sind. Die letzten Mitglieder eines Buah Gadang oder Kaum, der kurz vor seiner Vernichtung steht, haben auch mehr Freiheit, über das Gemeinschaftseigentum zu verfügen[25]. Ferner ist es möglich Produkte aus der Landwirtschaft des Harato Pusako zu verkaufen. Die Gegenleistung wird dann auch zum Harato Pusako.
Eine weitere und oft angewendete Möglichkeit besteht aber in der Verpfändung des Gemeinschaftseigentums. Früher war dies nur in bestimmten Situationen möglich. Heute kann das Harato Pusako immer verpfändet werden, wenn Geld für Gemeinschaftsangelegenheiten benötigt wird. Verpfändungen wurden früher überwiegend von armen Gruppen initiiert, die Geld brauchten. Die Pfandnehmer sollen Leute sein, die dem Buah Gadang nahestehen. Bei der Zeremonie der Verpfändung nehmen auch Adat-Funktionäre teil, durch die die Verpfändung als gültig angesehen wird ein klassischer Fall präventiver Rechtsanwendung. Die Beendigung der Pfandbeziehung erfolgt mit der Rückgabe der Pfandsache. Das Rückforderungsrecht bezüglich des verpfändeten Harato Pusako bleibt immer bestehen, auch wenn der Pfandnehmer das Eigentum schon sehr lange in Besitz hat. In diesem Fall treten aber Beweisprobleme auf. Diese bestehen insbesondere in den Fällen, in denen die Verpfändung vertieft wurde, d.h. der Verpfänder, der die Auslösungssumme nicht aufbringen kann, vom Pfänder verlangt, mehr Geld an ihn zu zahlen. Wenn dies öfter passiert, kann die Auslösungssumme einen derart hohen Wert bekommen, so daß es für den Verpfänder unwirtschaftlich ist, sein Harato Pusako zurückzufordern. Da das Rückforderungsrecht nicht abgeschafft werden darf, kann es passieren, daß das Gemeinschaftseigentum erst nach 100 Jahren zurückgefordert wird.
Möglich ist es auch, die Pfandbeziehung auf einen anderen Pfandnehmer zu übertragen, z.B. wenn der Pfandnehmer das Land nicht mehr braucht oder wenn der Verpfänder befürchtet, die ursprüngliche Verpfändung nicht mehr nachweisen zu können, und aus diesem Grund einen neuen Pfandnehmer sucht.
Die Verpfändung des Gemeinschaftseigentums ist zulässig, weil das Pfandgut Harato Pusako des Verpfänders bleibt. Das Rückkaufrecht gehört zum Harato Pusako und wird von der Gruppe geerbt. Das vom Pfandnehmer übergebene Geld gehört in der Regel zu dem von diesem selbst erworbenen Eigentum. Das Nutzungsrecht des Pfandnehmers am Pfandgut ist verfügbar und vererbbar.
Des weiteren besteht die Möglichkeit, Teile des Gemeinschaftseigentums an die Kinder eines männlichen Mitglieds des Kaum gegen eine geringe Gegenleistung zu übertragen. So sind Verpfändungen zugunsten der Kinder und für ihre Lebenszeit häufig.

dd) Die Rechtsbeziehungen zum Harato Pusako
Hinsichtlich des geerbten Eigentums wird die Gruppe als Einheit betrachtet, die vom Mamak diesbezüglich nach außen vertreten wird. Trotzdem haben nicht alle Gruppenmitglieder die gleichen Rechte in bezug auf das Gemeinschaftseigentum. So gibt es Harato Pusako, das nicht dem gesamten Buah Gadang, sondern nur einer kleinen Gruppe, der Jurai, gehört. Auch die Nachkommen früherer Sklaven und Fremder haben nicht die gleichen Rechte, das Harato Pusako betreffend, wie Blutsverwandte.
Es ist demnach zu unterscheiden: Die Gruppe ist hinsichtlich der sozialpolitischen Kontrolle über das Eigentum körperschaftlich organisiert. Auf der Ebene der Eigentumsnutzung ist die Gruppe nicht zwingend körperschaftlich organisiert, bezüglich der Nutzungsrechte gilt die Verwandtenerbfolge.

b)  Das Harato Pancaharian
Neben dem Ahnenland existiert individuell erworbenes Eigentum, das Harato Pancaharian. Dabei handelt es sich in der Regel um gekauftes oder durch Neuerschließung individuell erworbenes Land[26]. Auch das individuell erworbene Eigentum wurde zunächst in matrilinearer Linie vererbt. Erben des individuell erworbenen Eigentums des Mannes waren danach in der Regel die Abkömmlinge seiner Mutter bzw. die Kinder seiner Schwester (Kamanakan), so daß es der Matrilineage erhalten blieb.
Lebzeitige Verfügungen über das individuell erworbene Eigentum waren nur mit Zustimmung des eigenen Kaum möglich. So konnte beispielsweise nur die Hälfte des individuell erworbenen Eigentums verschenkt werden.
Seit den 60er Jahren fand eine entscheidende Veränderung bezüglich des individuell erworbenen Eigentums des Mannes statt: Mit der Zunahme von ehelichen Kernfamilien änderten sich auch die Erbschaftsregelungen. Das individuell erworbene Eigentum eines Mannes konnte nun auch an seine Kinder testamentarisch vererbt werden.  Im „Reismühlen-Fall“ aus dem Jahre 1962 wurde dann festgestellt, daß die Kinder grundsätzlich, d.h. auch ohne testamentarische Einsetzung Erben ihres Vaters sind. Ferner wurde es möglich, zu Lebzeiten über sein individuell erworbenes Eigentum frei zu verfügen. Bei einer Veräußerung von Teilen des individuell erworbenen Eigentums wird die Gegenleistung zum Harato Pancaharian. Es ist damit nun auch möglich, daß der Vater sein individuell erworbenes Eigentum an seine Kinder verschenkt[27].

c)  Die Pancaharianisierung des Harato Pusako
Die Freiheit zur Verfügung über das individuell erworbene Eigentum nahm im Laufe der Zeit immer mehr zu. Diese Freiheit wird heute immer mehr auch auf Eigentumsobjekte des Harato Pusako übertragen. Das Harato Pusako wird durch die Investition von individuell erworbenem Eigentum in geerbtes Eigentum „pancaharianisiert“. Auch durch die Investition von Geld in eine Verpfändung erhält man pancaharian-ähnliche Nutzungsrechte. Diese sind allerdings nur zeitlich und können durch das Auslösungsrecht des Verpfänders zunichte gemacht werden. Das Land, das Harato Pusako ist, kann zugleich durch die Investition von Harato Pancaharian als Harato Pancaharian genutzt und vererbt werden. Wenn das Land erst einmal verpfändet ist, sind die Nutzungsrechte sehr mobil und können ohne Beachtung der Adat-Vorschriften als Pfand weiter übertragen werden. Durch die Abtretung von Verpfändungen ist es also möglich (geworden), Harato Pusako zu pancaharianisieren. Dies ist auf die zunehmende Monetarisierung des Wirtschaftssystems in Minangkabau zurückzuführen. Eigentumsbeziehungen wurden so zunehmend von Rechten, die auf sozialen Stellungen basieren, zu Rechten, die auf Verträgen von Verpfändungen und deren Übertragungen basieren. Die Monetarisierung hatte damit einen großen Einfluß auf das Sozialsystem und insbesondere das System der Eigentumsbeziehungen.
Die Monetarisierung ist nach Auffassung von Benda-Beckmann[28] darauf zurückzuführen, daß die Minangkabau von den Holländern gezwungen wurden, Kaffee anzubauen, der dann von der Kolonialverwaltung weitergeleitet verkauft wurde. Kaffee wurde individuell angebaut und das dadurch erwirtschaftete Geld wurde individuell verwaltet und diente individuellen Interessen. Da die Einfuhr neuer Waren aber zunächst noch von den Holländern begrenzt wurde, waren die Minangkabau gezwungen, das Geld, das sie für den Kaffee bekamen, innerhalb des Nagari anzulegen. Dazu gab es in den Nagari nur die Möglichkeiten der Verpfändung, Auslösung und Übertragung von Verpfändung. Dadurch entwickelte sich ein System von auf Geldgeschäften beruhenden Eigentumsrechten, das das ursprüngliche System der Eigentumsbeziehungen, das auf Rechtsstellungen, Verweisungen und Zuteilungen beruhte, überlagerte. Durch die Monetarisierung wuchs die Autonomie des einzelnen. Sie führte dazu, daß die Leute ihr Harato Pusako verpfändeten bzw. es auslösten, um durch erneute Verpfändungen oder Vertiefungen der alten Verpfändung mehr Geld einzunehmen. Die Verpfändung ging nun nicht länger von armen Bevölkerungskreisen aus.  Arme Kaum brauchen heute nicht nur Land, sondern auch Geld. Deshalb verpfänden sie ihr Land an reichere Kaum, die es ihnen dann meist im Wege der Verpachtung wieder überlassen. Dadurch werden arme Kaum systematisch ausgebeutet, dies um so mehr, je weniger Verwandschaftsbeziehungen zwischen den beiden an dem Vertrag beteiligten Kaum bestehen. Das durch die Verpfändung oder Verpachtung erlangte Geld wird außerhalb des Nagari investiert. Auf der anderen Seite fließt aber auch Geld von den Leuten, die das Nagari verlassen haben, in das Nagari zu ihren Frauen oder Schwestern. Dadurch wird die Landrotation bezüglich Verpfändungen und Auslösungen weiter verstärkt.
Trotz dieser zunehmenden Individualisierung der Beziehungen zum Harato Pusako wird aber grundsätzlich an den matrilinearen Prinzipien festgehalten.

d) Die Pusakoisierung des Harato Pancaharian
Auch das individuell erworbene Eigentum kann zu Gemeinschaftseigentum werden: Zu Lebzeiten des Inhabers sind das individuell erworbene und das Gemeinschaftseigentum zwei verschiedene Kategorien. In Erbschaftssachen sind diese aber oftmals gleichzusetzen, da das vom Erblasser noch selbst erworbene Eigentum zum Gemeinschaftseigentum der Erben wird.
Diese Regel gilt auch heute noch. Während es aber früher das geerbte Eigentum der Kamanakan wird, wird es heute das der Kinder.
Zum Teil wird heute bei der Weitervererbung schon danach unterschieden, ob das Eigentum vormals Harato Pancaharian war, das dann auch individuell weitervererbt und nicht pusakoisiert wird[29].

e)  Die Beschränkung der Verfügungsfreiheit
Trotz der zunehmenden Freiheit in Eigentumsangelegenheiten bestehen auch heute noch Beschränkungen. Die Autonomie in Eigentumsangelegenheiten wird zunächst durch generelle Adat Regeln beschränkt (so darf Harato Pusako z.B. nicht veräußert werden).
Die Autonomie der Mitglieder wird darüber hinaus durch die Gruppen beschränkt. So ist bei einigen Eigentumsübertragungen der Konsens der Gruppe erforderlich. Dabei wird teilweise nur die Kenntnis[30] und teilweise das Einverständnis der Gruppenmitglieder oder auch der Adat-Funktionäre gefordert.
Die Gültigkeit von Eigentumsübertragungen ist demnach einmal anhand des generellen (Adat) Rechts, aber auch innerhalb der sozialen Beziehungen zu überprüfen.

 

2.  Der Einfluß der beiden anderen Rechtssysteme

In der heutigen Gerichtspraxis wird in Erbschafts- und Eigentumsangelegenheiten zwar überwiegend Adat angewendet, dennoch verdienen die anderen beiden Rechtssysteme und ihr jeweiliger Einfluß auf das Adat-System Beachtung. So wurden z.B. durch die Einführung der arabischen Sprache islamische Rechtsvorstellungen importiert. Das geschriebene Recht ist insbesondere deswegen bedeutsam, weil die Richter das Adat ihrem eigenen westlichen Verständnis gemäß, das auch heute noch an den Universitäten vorherrscht, begreifen[31].

a)  Islamisches Recht
Das Eigentumsrecht nach islamischen Recht beinhaltet das Recht zum umfassenden und exklusiven Gebrauch und zur Verfügung über das Eigentumsobjekt. Es wird nicht zwischen Gemeinschafts- und individuell erworbenem Eigentum unterschieden. Das Eigentum darf auch jederzeit veräußert werden. Eine Ausnahme besteht aber bei der zeitlichen Überlassung des Eigentums. Dabei ist es verboten, Profit von dem Gebrauch von Eigentumsobjekten zu machen, die nur als Sicherheit für geliehenes Geld gegeben wurden[32].
Der Eigentümer darf sein Eigentum zu Lebzeiten auch jederzeit verschenken. Durch Testament kann er hingegen nur über ein Drittel seines Eigentums verfügen, der Rest wird von den im Koran festgelegten Erben geerbt.
Es gibt auch staatliches Land, das für wohltätige oder religiöse Zwecke genutzt wird und unveräußerlich ist
.

b)  Der Einfluß des islamischen Rechts auf Eigentums- und Erbschaftsangelegenheiten in Minangkabau
Die durch die Padri-Kriege eingeführten Regelungen wurden mit aktiver Unterstützung der holländischen Kolonialmacht wieder ausgeglichen[33].
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es eine neue orthodoxe religiöse Bewegung, die das matrilineare Erbschaftssystem abschaffen wollte, was sich aber ebenfalls nicht durchsetzen konnte.
In den Jahren 1952 und 1968 wurden zwei Konferenzen einberufen, an denen auch islamische Funktionäre teilnahmen, und die sich mit der Vererbung des individuell erworbenen Eigentums befaßten. Auf diesen Konferenzen wurde empfohlen, dieses nach dem islamischen Recht zu vererben. Dies wurde in der folgenden Zeit zwar nicht streng eingehalten weiterhin wurde Adat angewendet diese Konferenzen erscheinen aber insofern bedeutsam, als sie einen klaren Versuch darstellen, das Prinzips der matrilinearen Vererbung zu durchbrechen.

c)  Das geschriebene Recht
Das Adat der Minangkabau bezüglich Eigentums- und Erbschaftsangelegenheiten blieb in diesem Bereich vom holländischen Recht bis auf wenige Ausnahmen unberührt.
Das holländische Eigentumsrecht beinhaltet das Recht, das Eigentum zu nutzen, es zu kontrollieren sowie frei darüber zu verfügen, es gewährt also ein sehr umfassendes Eigentumsrecht. Auch gemeinsames Eigentum einer Personengruppe wird anerkannt. Dabei ist aber eine Teilung dieses Miteigentums möglich. Jeder Miteigentümer kann auch frei über seinen Anteil verfügen.
Das holländische Erbrecht kennt sowohl gesetzliche Erbfolge, die in Gruppen von Verwandten in nachfolgenden Ordnungen eingeteilt ist, und Testamente, in denen der Erblasser Erben und Vermächtnisnehmer einsetzen kann. Auch Erbverträge sind möglich.
Beschränkt wird die Freiheit des einzelnen insbesondere durch ein Pflichtteilsrecht.

d)  Geschriebenes Recht in den Eigentumsbeziehungen der Minangkabau
In Minangkabau wurde auch geschriebenes Recht erlassen, das vor allem das Eigentum an Grundstücken betraf.
Durch die „Pusako-Eigendomsakte“ von 1853 wurde es möglich, geerbtes Eigentum registrieren zu lassen. Weiterhin folgten der Landwirtschaftsakt von 1870, die Verordnung von 1875, die die Veräußerung von Land verbot. Die „Staatsgebietserklärung“ im Jahre 1870 führte dazu, daß jedes Land, bei dem nicht nachgewiesen werden konnte, daß es im Eigentum einer Person oder Personengruppe stand, zum Staatsgebiet erklärt wurde. Dies war eine Verletzung des Adat Systems, die aber deswegen nicht so schwer wog, da die Kolonialregierung nur zurückhaltend davon Gebrauch machte. 1908 wurde die Möglichkeit geschaffen, Land mit Hypotheken (in der Regel zugunsten europäischer Banken) zu belasten. 1960 wurde ein „Grundlegendes Agrargesetz“ eingeführt, nach dem grundsätzlich Adat Recht Anwendung finden sollte, soweit es nicht in Widerspruch zu anderen Regelungen steht. Durch dieses Gesetz sollten Eigentumsbeziehungen durch die Einführung des Hak Milik geformt werden. Das Gesetz ermöglicht die Registrierung von Hak Milik, wodurch der einzelne Autonomie über sein Hak Milik erlangen sollte. Hak Milik wurde wie individuell erworbenes Eigentum behandelt und konnte nach der Registrierung seinen Status nicht mehr ändern, d.h. nicht mehr zu Harato Pusako werden. Eine Umwandlung der Eigentumsrechte in Hak Milik wäre der Untergang des Gemeinschaftseigentums gewesen. In Minangkabau wurde aus diesem Grund die Registrierungsmöglichkeit des Hak Milik nur wenig in Anspruch genommen. Ferner wurde im Jahre 1974 ein Ehegesetz erlassen.

Die Bedrohung der Eigentums- und Erbschaftsregeln des Adat durch islamisches und geschriebenes Recht war insgesamt nicht sehr groß, diese Systeme boten aber alternative Rahmenmöglichkeiten, an denen sich die Entscheidungsorgane bei der Entwicklung des Adat  orientieren konnten.

V.  Streitigkeiten in Eigentums- und Erbschaftsangelegenheiten[34]

Durch das Nebeneinanderbestehen der drei Rechtssysteme, aber auch durch den sozialen Wandel in Minangkabau, gibt es viele Probleme in Eigentums- und Erbschaftsangelegenheiten.

 

1.  Streitigkeiten in einem Kaum

Innerhalb eines Kaum können Streitigkeiten z.B. daraus resultieren, daß eine Rückverteilung des ursprünglich verteilten Gemeinschaftseigentums stattfindet. Problematisch ist auch, daß heute bei der Verteilung oft nahe Verwandte bevorzugt werden, während es früher mehr auf die Bedürfnisse der Gruppenmitglieder ankam. Streitigkeiten entstehen auch, wenn ein Mitglied unverhältnismäßig reich wird, so daß die anderen Kamanakan eine Umverteilung begehren.

 

2.  Streitigkeiten zwischen mehreren Kaum

Streitigkeiten in Eigentums- und Erbschaftssachen können auch zwischen mehreren Kaum entstehen.
Schwierig ist die Situation einer Kaum-Teilung, wenn das Gemeinschaftseigentum zwischen den neuen Kaum aufgeteilt werden muß und Nachfolger für die Adat-Ämter gefunden werden müssen. In diesen Fällen kann es Streitigkeiten über Panghulu-Titel geben, die sich aber oft als Streitigkeiten über Harato Pusako offenbaren.
Weitere Differenzen können sich ergeben, wenn ein Kaum ausgelöscht wird und über die Erbschaft entschieden werden muß, d.h. die verbleibenden Kaum darüber streiten, wer der nächste Verwandte ist. Diese Streitigkeiten können schon zu Lebzeiten der letzten Mitglieder des aussterbenden Kaum beginnen. So entstehen z.B. Unstimmigkeiten, wenn der Panghulu des aussterbenden Kaum einen anderen Kaum (per Testament) zum Erben einsetzt. Probleme entstehen insbesondere, da solche Fälle in den Dörfern von den Adat-Funktionären und von den staatlichen Gerichten unterschiedlich behandelt werden.
Streitigkeiten resultieren auch aus Verpfändungen des Gemeinschaftseigentums, die bereits lange Zeit zurückliegen. Hier versucht der Kaum des Pfandnehmers oft das Pfandgut als Harato Pusako seines Kaum darzustellen. Der Verpfänder-Kaum hat dann regelmäßig Schwierigkeiten die lange zurückliegende Verpfändung zu beweisen.

 

3.  Probleme, die aus der Vernichtung eines Buah Gadang resultieren

Die Erbschaft eines Buah Gadang ist von entscheidenden ökonomischen Interesse. Selbst wenn die letzten Mitglieder des aussterbenden Buah Gadang leichter über das Gemeinschaftseigentum verfügen,  dieses insbesondere verpfänden können, bleibt das Auslösungsrecht bestehen. Des weiteren ist die Titelnachfolge von Interesse. Die beste Strategie, Erbe eines Buah Gadang zu werden, ist, zu behaupten, daß der eigene Kaum Mitglied des Buah Gadang ist. Beweisprobleme bestehen insbesondere, wenn seit Jahrzehnten kein Panghulu mehr eingesetzt wurde. Da es fast unmöglich ist, herauszufinden, wer am nächsten mit dem aussterbenden Buah Gadang verwandt ist, gibt es Vermutungen. So gehen staatliche Gerichte beispielsweise davon aus, daß man nicht zu einem Buah Gadang gehört, wenn es zwei verschiedene Panghulu gibt.

 

4. Intergruppale Beziehungen

Innerhalb der einzelnen Kaum oder Buah Gadang gibt es insbesondere zwischen den verschiedenen sozialen Kreisen Konflikte. So gibt es beispielsweise Auseinandersetzungen zwischen den Blutsverwandten der Gruppenvorfahren und den Abkömmlingen früherer Sklaven oder Fremder.

 

5.  Der Kinder-Kamanakan-Konflikt

Besondere Bedeutung erlangte der Kinder-Kamanakan-Konflikt vor den 60er Jahren. Dieser beinhaltete oft den Streit über die Erbschaft des pancaharian ihres Vaters bzw. Mamak. Heute gehören diese Streitigkeiten allerdings weitgehend der Vergangenheit an, da mittlerweile anerkannt ist, daß die Kinder das individuell erworbene Eigentum ihres Vaters erben. Bei diesen Streitigkeiten geht es heute vorrangig um den rechtlichen Status des Eigentums, d.h. um die Frage, ob es Gemeinschafts- oder individuell erworbenes Eigentum war.
Eine weitere Schwierigkeit gibt es auch bei sog. „unreinem“ individuell erworbenen Eigentum, das zwar selbst aber mit Hilfe des Harato Pusako erworben wird.

 

6.  Konflikte zwischen den Kindern

Nachdem die Konflikte zwischen den Kindern und Kamanakan über die Erbschaft des individuell erworbenen Eigentum des Vaters / Mamak abgenommen haben, häufen sich heute Streitigkeiten darüber, welche Kinder eines Vaters wieviel erben, wenn dieser mehrere Kinder mit verschiedenen Frauen hatte. Grundannahme ist in diesem Fall, daß jedes Kind gleiche Teile erben soll. Anerkannt ist aber auch, daß polygame Männer separate Eigentumseinheiten mit einer Frau bilden können. Die Kinder aus der anderen Ehe haben daran in diesem Fall kein Erbrecht.

VI.  Die Mittel der Konfliktvermeidung als Ausdruck der zunehmenden Individualisierung[35]

Durch die zunehmende Möglichkeit, freier über sein individuell erworbenes Eigentum zu verfügen, und mit der Absicht, das oben genannte Konfliktpotential zu meiden, machen sich die Beteiligten schon frühzeitig darüber Gedanken, welche Mittel sie einsetzen können, um zu einer ihren Wünschen entsprechenden Aufteilung ihres Harato Pancaharian zu gelangen.
Frauen und Männer wollen in der Regel beide ihre leiblichen Kinder bevorzugen[36].

 

1.  Die Möglichkeiten der Einflußnahme durch den Eigentümer

Heute hat der Inhaber des individuell erworbenen Eigentums einige Möglichkeiten, darüber frei zu verfügen. Bereits zu Lebzeiten kann der Inhaber des selbst erworbenen Eigentums auf dessen Verteilung nach seinem Tod Einfluß nehmen:
Er kann es zu Lebzeiten verschenken oder zugunsten der von ihm bevorzugten Personen investieren. Er kann ein Testament aufsetzen oder eine Schenkung, die durch den Tod des Erblassers wirksam wird und bis dahin widerruflich ist (Hibah), vornehmen. Er kann auch, insbesondere durch die Kolonialgesetze den Status des Eigentums ändern, so daß die Regeln des Harato Pancaharian anwendbar sind.
Er kann auch nichts unternehmen und alles bei der matrilinearen Erbfolge belassen. Weitere Möglichkeiten der Beeinflussung bestehen durch Adoption, durch die beispielsweise bei der Gefahr des Aussterbens der Gruppe eine oder mehrere Personen in den Jurai eingegliedert werden, und durch Heirat, wobei nach Ansicht Benda-Beckmanns insbesondere patrilineare Kreuzcousinenheiraten (Die Frau heiratet den Sohn ihres Mamak) bevorzugt werden, da der Mamak auf diese Weise mit der Übertragung seines Harato Pancaharian und mit der Ver- und Zuteilung des Harato Pusako nicht nur für die Frau als Mitglied seiner Kamanakan, sondern auch für seinen eigenen Sohn sorgen kann. Mit der Zunahme der individuellen Autonomie in Eigentumsangelegenheiten wurde die Heirat als Mittel der Eigentumsübertragung an bevorzugte Personen jedoch bedeutungsloser.

 

2.  Die Möglichkeiten der Einflußnahme durch die potentiellen Begünstigten

Auch die möglichen Erben versuchen, den Erblasser zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Dies kann wiederum von denjenigen angegriffen werden, die sich selber als mögliche Erben sehen. Die Vorstellungen, die ihre Erbenstellung nach Auffassung der potentiellen Erben legitimieren, entsprechen oft dem Adat. Die „rechtliche Seite“ der Beurteilung der Erbenstellung ist in der Regel unproblematisch. Probleme bereiten in diesen Fällen die Aufklärung des Sachverhalts, dessen Gültigkeit anhand der Adat-Regeln zu überprüfen ist.
Da die Ansprüche der potentiellen Erben nur Gültigkeit erlangen, wenn die zuständigen Institutionen auch davon überzeugt sind, stellt sich die Frage, welche Institution damit in Anspruch genommen werden soll. Grundsätzlich muß die strenge Hierarchie der Adat-Institutionen eingehalten werden, daneben bestehen aber noch Institutionen der lokalen Regierung und der staatlichen Gerichte. Oft gehen die Minangkabau aber sofort zu der Institution, von der sie sich den größten Erfolg versprechen. Teilweise wird es aber auch als beschämend betrachtet, wenn staatliche Gerichte in Streitigkeiten innerhalb eines Kaum einbezogen werden, da der Streit grundsätzlich innerhalb eines Kaum gelöst werden soll. Auf dieser Ebene ist die Chance der Streitbeilegung auch am größten.  Wenn der Fall erst einmal vor die staatlichen Gerichte gekommen ist, besteht nur noch eine geringe Chance der Streitbeilegung[37]. Dann wird der Fall oft auch durch alle Instanzen der Gerichtshierarchie gebracht, insbesondere Berufung eingelegt[38].
Es ist auch oft schwer zu bestimmen, wann ein Streit endgültig beigelegt ist. Oft schaffen die Parteien einfach ein anderes Sachverhaltsbild in derselben Sache, obwohl nur die gleiche rechtliche Frage neu gelöst werden soll[39] .

VII. Zwischenergebnis: Die Folgen der Entwicklung des Adat-Systems in Eigentums- und Erbschaftsangelegenheiten[40]

Durch die Weiterentwicklung des Adat-Systems besteht heute eine größere Autonomie in Eigentums- und Erbschaftsangelegenheiten.
Der einzelne kann heute frei über sein individuell erworbenes Eigentum verfügen, der Mann kann dieses beispielsweise an seine Kinder übertragen.

Die Freiheit des einzelnen, über sein Harato Pancaharian zu verfügen, ist heute generell anerkannt[41]. Diese Autonomie ist sogar wesentlich weitergehender als die Eigentumsfreiheit in europäischen Ländern. Im holländischen Zivilrecht gibt es hingegen eine Art Pflichtteilsrecht, das die zukünftigen Erben vor Enterbung und auch vor lebzeitigen Verfügungen des Erblassers schützen soll. Im heutigen Minangkabau kann hingegen jeder zu Lebzeiten frei über sein individuell erworbenes Eigentum verfügen. Aus diesem Grund wird bereits über eine Adat-Regel zum Schutz der künftigen Pancaharian-Erben nachgedacht.
Durch den „Reismühlen-Fall“ (1962) wurde festgestellt, daß die Kinder grundsätzlich, d.h. auch ohne testamentarische Einsetzung, Erben des Harato Pancaharian ihres Vaters sind. Dadurch wird Harato Pancaharian heute grundsätzlich von den Kindern geerbt.
Auch bezüglich der Eigentumsübertragungen des Harato Pusako hat es einige wenn auch nicht so drastische Änderungen gegeben. Einige Verfügungsbeschränkungen wurden verringert, die verbleibenden Beschränkungen haben durch die Pancaharianisierung an Bedeutung verloren. So ist es innerhalb eines Nagari heute prinzipiell anerkannt, daß die Verfügung einzelner vertreten durch den Mamak über ihre Nutzungsrechte am Harato Pusako auch ohne das Einverständnis aller Mitglieder des Kaum und ohne Präsenz des Panghulu wirksam ist.
Die staatlichen Gerichte wenden allerdings überwiegend noch unterschiedslos die Beschränkungen des Adat hinsichtlich des Harato Pusako an, obwohl es auch liberalere Tendenzen gibt: So wird in einigen Fällen schon die Kenntnis und nicht nur das Einverständnis der Mitglieder des Kaum als ausreichend angesehen.
Auch bei der Erbschaft des Harato Pusako hat es nur geringe Veränderungen gegeben. Bei verpfändetem Harato Pusako wird heute nur noch das Auslösungsrecht matrilinear vererbt, das Nutzungsrecht wird nach den Regeln des Harato Pancaharian vererbt.

Auch in der Praxis leiten die Männer und Frauen in Minangkabau ihre Eigentumsangelegenheiten heute individuell zugunsten ihrer eigenen Interessen und derjenigen ihrer Kinder. Die Kleinfamilie (Ehegatten, Kinder und Enkelkinder) wird heute bevorzugt, die Verwandtschaft (Kaum, Buah Gadang) erscheint nicht mehr so wichtig. Dieser Wandel ist insbesondere für die verheirateten Männer bedeutend, die heute in jeder Hinsicht mehr mit ihren Kindern als ihren Kamanakan verbunden sind. Auch Frauen bevorzugen heute aber ihre eheliche Familie und insbesondere ihre eigenen Kinder. Diese engen Beziehungen sowohl der Mutter als auch des Vaters zu den eigenen Kindern wurde aber grundsätzlich schon immer vom Adat anerkannt.

VIII.  Die Ursachen und Auswirkungen der Veränderungen in Minangkabau[42]

Die Veränderungen der Eigentums- und Erbschaftsbeziehungen beruhen auf einer Reihe von Gründen:

 

1.  Die Ursachen der Veränderungen

Neben dem Bevölkerungswachstum und der zunehmenden Landknappheit war insbesondere die Einführung eines neuen Macht- und Autoritätssystems durch die Holländer ein wichtiger Faktor, der zu einer zunehmenden Individualisierung und gleichzeitig zu einer Desintegration der traditionellen sozialpolitischen Einheiten (Kaum, Buah Gadang) führte. Die Panghulu verloren Macht und Autorität, da sie zu Werkzeugen der Kolonialmacht wurden. Hinzu kam die Einführung eines neuen Wirtschaftssystems und Verwaltungsapparates, was den Männern unabhängig von ihrer Abstammung und ihrem Status Möglichkeiten der Macht und Prestige bot. Die Existenz dieser neuen Möglichkeiten beendeten die Ausschließlichkeit der Macht des Adat-Systems und wurde zu einer Konkurrenz für die Adat-Funktionäre. Innerhalb des Kaum wurde der Zusammenhang zwischen Autorität und Eigentum durch die zunehmende Monetarisierung der Eigentumsbeziehungen aufgelöst. Dies war der Beginn der Monetarisierung der Eigentumsbeziehungen des Harato Pusako.
Das neue holländische Wirtschaftssystem brachte zu Beginn des 20. Jahrhunderts neue Veränderungen: Das System strenger Kultivierung wurde abgeschafft, ein Steuersystem wurde eingeführt und der Import fremder Waren wurde zugelassen. Dadurch stieg das Bedürfnis nach Geld. Diesem wurde durch Lohnarbeit, Handel und den Anbau von Getreide vor allem durch Männer nachgekommen. Die wirtschaftliche Bedeutung des individuell erworbenen Eigentums wuchs und machte die Männer zunehmend unabhängig von dem geerbten Eigentum ihres Kaum. Aber auch die Monetarisierung des Gemeinschaftseigentums gewann an Bedeutung, da es auf der einen Seite z.B. durch Verpfändung dazu benutzt werden konnte, Geld zu beschaffen, und auf der anderen Seite durch Auslösung und Übertragung der Pfandbeziehung als Investitionsobjekt diente. Das traditionelle System der Verteilung und Zuweisung verlor an Bedeutung, da es durch den entgeltlichen Erwerb von Nutzungsrechten ersetzt wurde, die heute nicht mehr nur an Kaum-Mitglieder vergeben werden.
Die abnehmende Übereinstimmung von Autorität und Eigentum führte zu einer wachsenden räumlichen Desozialisierung der Mitglieder des Kaum, was durch das Bevölkerungswachstum sowie die Monetarisierung und Individualisierung der Eigentumsbeziehungen verstärkt wurde. Der Trend zur (ehelichen) Kernfamilie wirkt sich positiv auf die Bedeutung der Kleinfamilie und negativ auf das Zusammengehörigkeitsgefühl des Kaum aus. Der Mann, der nun bei seiner Ehefrau lebt, verliert in seiner Funktion als Mamak an Bedeutung. Die meisten der wirtschaftlichen Aktivitäten kommen nun der ehelichen Familie zugute. Dies führte zu einer zunehmenden Individualisierung des Harato Pusako der Frau. Auch die Beziehungen zum Kaum des Mannes wurden dadurch schlechter.
Durch das geänderte Verhalten in Eigentums- und Erbschaftsangelegenheiten änderte sich das Eigentums- und Erbschaftsrecht.

Die Veränderungen in Eigentums- und Erbschaftsangelegenheiten haben aber weitgehend in Übereinstimmung mit den bestehenden generellen Regeln des Adat stattgefunden. So ist beispielsweise die Möglichkeit der Verpfändung nicht neu und die rechtlichen Vorstellungen diesbezüglich haben sich kaum geändert. Durch die zunehmende Bedeutung und Häufigkeit von Verpfändungen aufgrund der Monetarisierung hat sich aber wesentlich das soziale und wirtschaftliche Leben innerhalb des Nagari verändert. Es hat sich damit eine Veränderung der Infrastruktur ohne wesentliche Veränderungen des Rechts vollzogen.
Des weiteren beinhaltet die Möglichkeit, über sein individuell erworbenes Eigentum frei zu verfügen zwar eine Veränderung, solche Übertragungen waren aber auch schon früher anerkannt. Der Inhaber des individuell erworbenen Eigentums war damals aber nicht autonom, d.h. die Verfügung war teilweise nur mit Kenntnis, überwiegend aber nur mit dem Einverständnis der Mitglieder des Kaum möglich. Neu ist hingegen nur, daß über das individuell erworbene Eigentum auch gegen den Willen des Kaum verfügt werden kann. Diese neue Regel befreite die Autonomie des einzelnen von Beschränkungen durch den Kaum und bestätigte die tatsächliche Individualisierung durch generelle rechtliche Konsequenzen. Damit wird die Autonomie des einzelnen heute nur noch durch die Gesellschaft als Ganzes und ihr Recht beschränkt, nicht aber durch die eigene Gruppe.

 

2.  Die Auswirkungen der Veränderungen

Die einzige relevante Änderung ist bisher das freie Verfügungsrecht und das geänderte Erbrecht hinsichtlich des individuell erworbenen Eigentum. Dadurch entstehen aber noch keine patrilinearen Strukturen[43]. Die meisten Veränderungen der letzten 150 Jahre konnten von dem traditionellen System aufgenommen werden. Das Sozialsystem der Minangkabau wird durch matrilineare Abstammung aufrechterhalten, das die Vorstellungen sozialer Kontinuität beinhaltet.
Gleiches gilt auch für das Eigentum. Alles Eigentum ist dazu bestimmt, Harato Pusako zu werden. Auch die Neuerungen im Bereich des Harato Pancaharian enthalten in dieser Hinsicht keine entscheidende Veränderung, da es durch den Tod des Inhabers grundsätzlich immer noch zum Harato Pusako des Nachfolgers, egal ob der Kinder oder Kamanakan wird. Harato Pancaharian ist also nur in zeitlicher Hinsicht von Bedeutung.
Auch bei den Gruppeneinheiten sind die Veränderungen nicht so umwälzend wie sie erscheinen: Durch die geänderte Zugehörigkeit des Mannes zu seiner Frau erfolgt eine Veränderung innerhalb des matrilinearen Systems, aber keine Veränderung des matrilinearen Systems an sich. Die Matrilinearität nimmt dadurch sogar zu. Männer können innerhalb des Nagari niemals wirtschaftlich selbständig sein, da ihr individuell erworbenes Eigentum dazu bestimmt ist, entweder wie früher ihrem Kaum oder Kamanakan oder wie heute ihrer Kleinfamilie zuzukommen. Aus diesem Grund müssen Männer, die wirtschaftlich selbständig sein wollen, das Nagari verlassen. Heute verlassen viele Männer die Dörfer[44], um sich nicht diesen Systemen unterwerfen zu müssen. Der Konflikt wird damit aus dem Nagari hinaustransportiert[45]. Je mehr Männer aber das Nagari verlassen, desto größer werden aber die Bedeutung und Dominanz der Frauen, während die Chance der Männer, jemals das System zu durchbrechen, schwindet.

Die Monetarisierung und Individualisierung der Eigentumsbeziehungen und die zunehmende Berechnung der Eigentumsbeziehungen in Geld sind nach Ansicht Benda-Beckmanns die wichtigsten Veränderungsfaktoren. Bisher konnten die Veränderungen von dem bestehenden System absorbiert werden. Irgendwann werden diese Faktoren aber zu einer Zerstörung dieses Systems beitragen.
In gewisser Weise hat der auf der Monetarisierung beruhende Zuwachs an Verpfändungen, die ja nur zeitlich sind, sogar zur Beibehaltung des matrilinearen Pusako-Systems beigetragen. Selbst die wenige Autorität, die den Anführern der matrilinearen Gruppen geblieben ist, reicht aus, um das System zu schützen.
Durch die Verstärkung der Stellung des Adat-Rates und durch das Verbot der freien Parteigründungen wird die Rolle von Adat-Funktionären wieder attraktiv.
Den entscheidenden Charakter erhält das Sozialsystem durch die Kontinuität der Eigentumsbeziehungen. Alles wird irgendwann zu Harato Pusako. Es gibt aber bereits Anzeichen dafür, daß diese Vorstellungen abnehmen.
Auch die Schwächung der sozialpolitischen Autorität ist wichtig für die weitere Entwicklung, da die Kontinuität des Eigentums entscheidend von der sozialpolitischen Kontrolle abhängt. Die Verteilung und Zuweisung des Harato Pusako waren bisher nur provisorisch bzw. temporär im Verhältnis zu den dauernden Unterteilungen der anderen Beziehungen der Gruppe dazu. Die Unterteilung in Gruppen hat durch die abnehmende Autorität und durch die Störung des traditionellen Gruppenbildungssystems sowie die Bildung neuer Gruppen an Bedeutung verloren. Die ursprünglichen Verteilungen und Zuweisungen werden deshalb heute zunehmend als endgültig angesehen und sind nicht länger provisorisch.
Dennoch sind die Vorstellungen hinsichtlich der Kontinuität des Pusako noch sehr stark und es ist schwer, neue Vorstellungen zu etablieren. Nach Benda-Beckmann wird dafür sogar u.U. eine „Revolution“ notwendig sein[46].

IX.  Hak Milik: Ein neues Konzept der Eigentumsbeziehungen?[47]

Infolge der zunehmenden Veränderungen stellt sich aber die Frage, ob eine Unterteilung der Eigentums- und Erbschaftsbeziehungen in Harato Pusako und Harato Pancaharian heute überhaupt noch sinnvoll ist, oder ob nicht vielmehr ein neues Konzept entwickelt werden sollte.
In diesem Zusammenhang nennt Benda-Beckmann[48] das Konzept des Hak Milik, das im heutigen Minangkabau die Bedeutung des westlichen Eigentumsbegriffs hat und weitgehend autonom ist.
Das Konzept des Hak Milik könnte der Abschluß der Entwicklung einer Individualisierung der Eigentumsbeziehungen sein. Nach Ansicht Benda-Beckmanns war Harato Pancaharian früher selbst kein eigenes rechtliches Konzept, sondern vielmehr eine Kategorie des Harato Pusako, d.h. es beschrieb lediglich eine Erwerbsmodalität. Durch die holländischen Richter und Verwaltungsbeamten, die das Adat-System vor dem Hintergrund ihres eigenen Verständnisses von individueller Eigentümerstellung interpretierten, wurde dem individuell erworbenen Eigentum jedoch eine größere Bedeutung beigemessen. Konsequenterweise wurde der grundlegende Unterschied in den Eigentumsbeziehungen des Adat in der Unterscheidung zwischen Harato Pusako und Harato Pancaharian gesehen. Um diesen Unterschied deutlich zu machen, mußte Harato Pancaharian definiert und mußten ihm rechtliche Konsequenzen verliehen werden[49]. Die Bewohner der Nagari waren durch diese Uminterpretation ihrer Eigentumsbeziehungen zunächst verunsichert. Im Laufe der Zeit lernten sie aber, ihre Ansprüche so auszudrücken, daß die Richter sie verstehen konnten, zumal die neue „Denkungsweise“ sehr nützlich war, um die neu gewonnene Autonomie bezüglich des selbst erworbenen Eigentums auszudrücken.
Dafür spricht auch, daß das vererbte Harato Pancaharian keinen eigenen rechtlichen Status hat, da es nach der Vererbung nicht pancaharian genannt werden kann, weil es geerbt und nicht selbst erworben war. Diese Konzeptlücke kann durch Hak Milik gefüllt werden. Danach wäre individuell erworbenes Eigentum Hak Milik und würde dies auch bleiben.
Hak Milik beschreibt auch vielmehr das Eigentumsobjekt an sich, nicht unbedingt die Beziehung, so daß die Erwerbsmodalitäten an Bedeutung verlieren und die Vergangenheit der Eigentumsbeziehung ausgeblendet werden kann.
Heute wird Hak Milik nur für die Bezeichnung des Harato Pancaharian genutzt, das dadurch fortwährend besteht. Es gibt aber bereits Anzeichen dafür, daß Harato Pusako teilweise auch als Hak Milik bezeichnet wird. Daraus könnte ein Konzept werden, bei dem Hak Milik der gemeinsame Nenner für alle Eigentumsbeziehungen ist.  In diesem System könnte eine Unterscheidung von Hak Milik mit Pusako-Charakter und dem mit Pancaharian-Charakter beibehalten werden. Beide Eigentumsbeziehungen wären im Konzept des Hak Milik vereinigt[50]. Die Vereinigung der Eigentumsbeziehungen im Konzept des Hak Milik kann dazu führen, daß die Unterschiede zwischen Pusako und Pancaharian ihren rechtlichen Charakter verlieren. Dadurch würden die Eigentumsbeziehungen vereinheitlicht, so daß sogar das Harato Pusako letztendlich zu einer Art Eigentum wird, das strenge moralische und nostalgische Vorstellungen beinhaltet, die aber rechtlich irrelevant sind[51].

 

Literaturhinweise:

Andrej, Isabell: 

Matrilineare Gesellschaften
Eine Untersuchung aus ethnologischer und historischer Sicht
Wien 1998

Benda-Beckmann, Franz von:

Property in Social Continuity
Continuity and Change in the Maintenance of Property Relationships Through Time in Minangkabau, West Sumatra 1979

Benda-Beckmann, Keebet von:

The use of folk law in West Sumatran State Courts
In: Allott, Antony / Woodman, Gordon R. (Hrsg.), People`s law and State Law, The Bellagio Papers, S. 77-95 Dordrecht-Holland/Cinnaminso-U.S.A. 1985

Kahn, Joel S.:

Constituting the Minangkabau
Peasants, Culture and Modernity in Colonial Indonesia Oxford 1993

Metje, Ute Marie:

Die starken Frauen
Frankfurt/New York 1995

Oppermann, Bernd:

„...and Replenish the Earth and Subdue it;“ Reflections on Property Right and Nature
In: Evangelische Akademie Loccum (Hrsg.) Recht in unterschiedlichen Kulturen und Religionen
59/95


 

 

[2] S. dazu, Andrej, Matrilineare Gesellschaften, Eine Untersuchung aus ethnologischer und historischer Sicht, http://w3.ihs.ac.at/Elsa/diplom/diplom.html, 6.

[3] S. dazu Benda-Beckmann, a.a.O., S.57 ff.

[4] S. u. S. 3, 5.

[5] So kannte zumindest früher jedes Nagari drei verschiedene Einwohnergruppen: 1. Die Abkömmlinge der ursprünglichen Siedler, 2. Die Abkömmlinge Fremder, die in den Nagari akzeptiert wurden und 3. Die Abkömmlinge früherer Sklaven.

[6] Eine Aufteilung eines Buah Gadang in zwei Kaum geschieht in der Regel, wenn der Buah Gadang zu viele Mitglieder hat, so daß das Zusammengehörigkeitsgefühl verloren geht. Solange der Buah Gadang noch nicht geteilt ist, behält er den Panghulu Titel, nach der Teilung wird er entweder von dem älteren Stamm beibehalten oder es wird eine Rotation des Titels beschlossen.

[7] Es gibt vier Möglichkeiten, einen Panghulu einzusetzen: 1. Ein neuer Buah Gadang wird von den Blutsverwandten gegründet, z.B. nachdem schon eine Unterteilung in Kaum erfolgt war. Die neue Gruppe behält ihre eigene Panghuluschaft und Titel, der oft von dem alten Buah Gadang kommt. 2. Der Buah Gadang der Blutsverwandten wird in zwei Gruppen von gleichem Rang geteilt, die beide den Original-Panghulu-Titel behalten. 3. Ein neuer Buah Gadang wird von den Nachkommen früherer Fremder gegründet, die sich eine zunächst mit dem Buah Gadang geeinigt haben. Sie bekommen ihren eigenen Panghulu-Titel, der oft von dem alten Buah Gadang abstammt. 4. Ein neuer Buah Gadang wird von den Nachkommen früherer Sklaven geschaffen. Hier folgt in der Regel keine Ableitung des Titels von dem alten Buah Gadang.

[8] Der Mamak ist i.d.R. der Verantwortliche der Gruppe, die gemeinsam ein Haus bewohnt (Paruik).

[9] Der Panghulu kann auf drei verschiedenen Wegen eingesetzt werden: 1. Der Panghulu wird bereits zu Lebzeiten des alten Panghulu bestimmt, 2. Der neue Panghulu wird kurz nach dem Tod des alten Panghulu eingesetzt, 3. Der Nachfolger wird erst lange nach dem Tod des alten Panghulu eingesetzt.

[10] Ebenso K. v. Benda-Beckmann, The use of folk law in West Sumatra State Courts, in: Allott/Woodman (Hrsg.), People`s Law and State Law, The Bellagio Papers, S. 81.

[11] Es kann so z.B. vorkommen, daß der Mamak, der den Kaum nach außen vertritt, die Autorität der ältesten Frau, die intern zuständig ist, umgeht.

[12] S. dazu Benda-Beckmann, a.a.O., S. 113 ff.

[13] Benda-Beckmann, a.a.O., S. 113, der hier den Adat-Gelehrten Koesnoe zitiert.

[14] Problematisch ist es, vom Adat-Recht zu sprechen. Nur die Personen, die wie Richter eine Rechtsausbildung haben, unterscheiden zwischen Adat und Adat-Recht, wobei sie betonen, daß sie nur Adat-Recht anwenden, anders als die Panghulu die mit der Anwendung von Adat betraut sind. Die Bewohner eines Nagari unterscheiden dagegen nicht zwischen Adat und Adat- Recht.

[15] S. auch K. v. Benda-Beckmann, a.a.O., S. 87.

[16] S. Benda-Beckmann, a.a.O., S. 314 ff.

[17] S. auch K. v. Benda-Beckmann, a.a.O., S. 80.

[18] S. ebenso K. v. Benda-Beckmann, a.a.O., S. 80 f.

[19] In diesem Sinne auch Oppermann, „...and replenish the Earth and Subdue it;“ Reflections on Property Right and Nature, in: Evangelische Akademie Loccum (Hrsg.), Recht in unterschiedlichen Kulturen und Religionen, 59/95, S. 65.

[20] S. ebenso, K.v. Benda-Beckmann, a.a.O., S. 77.

[21] Dazu noch später, S. 16 f.

[22] s. dazu Benda-Beckmann, a.a.O., S. 137 ff.

[23] s. dazu auch Kahn, Constituting the Minangkabau, Peasants, Culture and Modernity in Colonial Indonesia, 1993, S. 157 ff.

[24] so auch Metje, Die starken Frauen, 1995, S. 48; ähnlich Kahn, a.a.O., S. 41.

[25] Wenn aber nur ein Kaum vernichtet wird, bedarf es trotzdem des Einverständnisses der anderen Kaum des Buah Gadang.

[26] Metje, a.a.O., S. 49.

[27]  Eine Schenkung wird Hibah genannt, wenn der Schenker die Schenkung noch bis zu seinem Tod widerrufen kann, die Eigentumsübertragung also erst mit dem Tod des Schenkers wirksam wird.

[28] Benda-Beckmann, a.a.O., S. 287.

[29] S. den Fall, den Benda-Beckmann, a.a.O., auf  S. 345 ff. schildert und als erstes Anzeichen der Veränderung der starren Pusakoisierungsregel wertet.

[30] Auch die Kenntnis erfordert nach dem Adat aber Elemente des Einverständnisses. Man kann trotz vollen Wissens von dem Sachverhalt die Kenntnis versagen.

[31] In diesem Sinne auch Kahn, a.a.O., S. 71.

[32] S. auch Oppermann, a.a.O., S. 66.

[33] Anders: Andrej, a.a.O, die davon ausgeht, daß seit den Padri-Kriegen der Islam über dem Adat steht und sich die Kuriosität von matrilinearen Adat und patrilinear-orientierten Rechtstraditionen entwickelt.

[34] S. dazu Benda-Beckmann, a.a.O, S. 218 ff.

[35] s. dazu Benda-Beckmann, a.a.O., S. 274 ff.

[36] Für die Frauen bereitete dies anders als für die Männer keine Probleme, da sie nach den Regeln des Adat ohnehin von ihren Kindern beerbt wurden.

[37] S. K. v. Benda-Beckmann, a.a.O., S. 85 ff, 89.

[38] Dies., S. 89 f.

[39]  Die Gerichte sind zwar grds. an die „ne bin in idem Regel“ gebunden, durch die politischen Unruhen sind aber viele Gerichtsprotokolle verschwunden, so daß oft nicht nachgeprüft werden kann, ob schon ein Urteil in der Sache vorlag; so auch K. v. Benda-Beckmann, aaO, S. 90.

[40] s. Benda-Beckmann, a.a.O., S. 326 ff.

[41] Aufgrund der Moral wird es aber gewünscht, daß eine Beratung mit dem Kaum erfolgt.

[42] S. Benda-Beckmann, a.a.O., S. 361 ff.

[43] So aber andere, von Benda-Beckmann kommentierte Autoren, a.a.O., S. 373 ff.

[44] S. auch Kahn, a.a.O., S. 42.

[45]S. Benda-Beckmann, a.a.O., S. 378.

[46] S. Benda-Beckmann, a.a.O., S. 383.

[47] S. Benda-Beckmann, a.a.O., S. 351 ff.

[48] Benda-Beckmann, a.a.O., S. 351 ff.

[49] so auch Metje, a.a.O., S. 64, die von einer Entwicklung neuer Rechtskategorien spricht.

[50] Dies wurde schon öfter, bisher aber erfolglos versucht.

[51] So wird der Eigentumsbegriff vereinheitlicht und westlichen Vorstellungen angenähert. Dies wird generell auch von Oppermann, aaO, S. 57, 68 befürwortet, der zumindest in diesem Aufsatz davon ausgeht, daß kulturelle Differen