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von Holger Langer, LL.M.

Erfahrungsbericht über einen postgraduierten Studienaufenthalt in London

The Stiff Upper Lip Prevails

Ein Studienjahr in London zählt zu den größten Erfahrungen, die das Studentendasein bieten kann. Diesen Satz darf ich guten Gewissens äußern, nachdem ich im akademischen Jahr 1999/2000 die Möglichkeit am Schopfe packte und ein Jahr lang das LL.M. Programm der University of London absolvierte. Wer es geschickt und mit dem nötigen Elan angeht, dem bietet ein solcher Auslandsaufenthalt die Chance, sich nicht nur akademisch, sondern auch persönlich weiterzuentwickeln. Als Karrierechance verstanden, steigert ein Auslandsaufenthalt den "Wert" auf dem Arbeitsmarkt in erheblichem Maße. Daneben bietet er jedoch auch jedem die Möglichkeit, sich persönlich weiterzuentwickeln und den eigenen Horizont zu erweitern.

Richtig und positiv verstanden ist ein solches Jahr jedoch nicht nur eine Möglichkeit, sondern auch eine Herausforderung. Aus akademischer Sicht übersteigt das Angebot bei weitem das, was man bisher von deutschen Universitäten gewohnt ist. Gerade London hat als Universität von Weltruf zum Ziel, ein möglichst breites internationales Verständnis des Rechts zu vermitteln, bei gleichzeitiger Wahrung eines hohen Grades an Spezialisierung und eines gewissen akademischen Standards. Nicht wenige Teilnehmer des Programms haben die Herausforderung des LL.M. Programms angenommen, um dies als Einstieg in eine, wie auch immer geartete, weiterführende Karriere zu nutzen, sei es, um – aufbauend auf den akademischen Auslandserfahrungen – in der Heimat eine Doktorarbeit zu beginnen, oder um in dem Jahr Kontakte mit potentiellen späteren Arbeitgebern zu knüpfen.

Daneben ist ein solches Auslandsjahr eine Herausforderung an die eigene Persönlichkeit. Wer bisher seine kleine Studentenbude unter dem Dach in der typischen deutschen Studentenstadt bewohnte oder gar noch bei den Eltern hauste, wird sich mit dem Leben in einer Weltmetropole konfrontiert sehen, das möglicherweise wenig mit der bisherigen Existenz gemein hat und auf den ersten Blick sogar abschreckend wirken kann. Abschrecken sollte es jedoch auf gar keinen Fall. Ich möchte versuchen, mit diesem kleinen Artikel einen Einblick in die akademischen und persönlichen Aspekte eines Studienjahrs in London zu geben. Gleichzeitig möchte ich Werbung betreiben für etwas, das man als Erfahrung bezeichnen darf, die man nur einmal im Leben macht. Gerade das macht sie so wertvoll.

 

Die Universität

Die University of London  wurde 1836 als föderale Dachorganisation ins Leben gerufen und besteht aus mehr als 50 der renommiertesten Institute, Schulen und Colleges des Landes. Dementsprechend ist sie die größte Universität Englands und genießt Weltruf, was sicherlich nicht nur an der Tatsache liegt, daß sie in einer Weltmetropole wie London beheimatet ist, sondern auch an der internationalen Ausrichtung, die sie sich deutlich und allgegenwärtig als Ziel auf die Fahnen geschrieben hat. Es wird aus der gesamten Welt rekrutiert. Gerade bei einer englischen Universität wird dies – wie in keinem anderen Land – begünstigt durch die immer noch sehr starken Kontakte zu vielen Staaten, die aus der Zeit des englischen Empires herrühren und seit jeher London zu einem primären Ziel für Einwanderer und Gäste aus aller Welt machen. Wer bisher New York als den "Schmelztiegel" der Kulturen und Nationen hielt, der hat London noch nicht besucht. Es gibt kaum eine Nationalität, die nicht in dem einen oder anderen Fachgebiet der Universität vertreten ist, sowohl durch Studenten als auch Dozenten.

 

Dem Studierenden bietet die University of London neben einer erstklassigen Ausstattung (hier sei nur kurz auf die zentrale Senate House Library hingewiesen, die mit rund 1,4 Mio. Titeln zu den größten der Stadt zählt) auch die Nähe und den Kontakt zu zahlreichen bekannten Forschungseinrichtungen. Ein Teil des LL.M. Programms wird beispielsweise am Institute of Advanced Legal Studies gelehrt, das die Studierenden gleichzeitig mit einer hervorragend ausgestatteten Bibliothek für Internationales Recht versorgt. Wer während des Aufenthaltes die Nähe zur deutschen Rechtsordnung vermißt, wird hier die grundlegenden Werke finden und kann u.a. mit der NJW die juristischen Entwicklungen im Heimatland verfolgen. Neben den collegeeigenen Aktivitäten und Einrichtungen bietet die University of London Students' Union (ULU) dem Studierenden ein umfangreiches Freizeitangebot, das keine Wünsche offen läßt. Von zahllosen sportlichen Aktivitäten bis hin zu Konzerten bekannter Bands wird alles geboten, um das alltägliche Lernen erträglicher zu machen.

 

Das College

Das Queen Mary and Westfield College (QMW) hat seine Wurzeln in vier historischen Colleges. Das Westfield College wurde 1882 in Hampstead gegründet und war eine der ersten Einrichtungen, die der ausschließlichen Ausbildung von Frauen verschrieben war. Der erste männliche Student wurde 1964 zugelassen. Das Queen Mary College entsprang 1934 aus dem East London College, das seinerseits auf den People's Palace zurückgeht, einer akademischen und kulturellen Einrichtung des 19. Jahrhunderts. 1989 schlossen sich diese beiden Colleges zum Queen Mary and Westfield College zusammen. Seit 1995 gehören daneben das 1843 gegründete St. Bartholomew's Hospital Medical College und das Royal London Hospital Medical College hinzu. Insgesamt ist das Queen Mary and Westfield College mit mehr als 8000 Studenten und ca. 2500 Angestellten (Lehrkräfte und Personal) das viertgrößte College der University of London. Die hohe Zahl an Lehrpersonal bei der verhältnismäßig geringen Zahl an Studenten ist ein Garant für intensive Betreuung. Auf jede Lehrkraft kommen lediglich 12 Studenten, womit das Queen Mary and Westfield College – zusammen mit zwei weiteren der insgesamt fünf Colleges, die den LL.M. an der University of London anbieten – zu den führenden fünf akademischen Einrichtungen des Landes im Bereich der Student / Staff Ratio gehört.

 

Das College beherbergt darüber hinaus das Centre for Commercial Law Studies (CCLS), das entgegen dem international weniger bekannten College weltweit höchstes Renommee besitzt. Es wurde 1980 noch unter der Führung von Sir Roy Goode, einem der bekanntesten englischen Juristen, gegründet, der von 1971 bis 1980 am College lehrte und zuletzt von 1976 an Dekan der juristischen Fakultät des Colleges war, bevor er einem Ruf an die University of Oxford folgte. Das CCLS betreut innerhalb des Colleges alle postgraduierten Studiengänge, d.h. MPhil, PhD und LL.M. Es setzt sich zusammen aus der European Commercial Law Unit, der Intellectual Property Law Unit, der International Financial Law Unit, der Information Technology Law Unit, der Insolvency Law Unit und der School of International Arbitration. Die Aktivitäten der einzelnen Units sind durchgehend international auf höchstem akademischem Level. Etliche Mitglieder der einzelnen Units sind Berater für Regierungen weltweit oder haben Beraterstatus in internationalen Institutionen. Es ist hier nicht möglich, die Aktivitäten der einzelnen Units näher darzustellen, ohne den Rahmen des Artikels zu sprengen.

 

Das College besitzt seine eigene Bibliothek sowie ein Europäisches Dokumentationszentrum mit insgesamt mehr als 500.000 Titeln. Die in die Hauptbibliothek eingegliederte spezielle Bibliothek des CCLS ist eine der besten Bibliotheken des Landes im Bereich Wirtschaftsrecht. Daneben bietet das College einen komfortablen und weitreichenden Zugriff auf modernste Computertechnik sowie – für den juristischen Studenten – freien Zugriff auf nahezu alle wichtigen juristischen Datenbanken der Welt, z.B. Westlaw, LEXIS-NEXIS, Celex usw.

 

Der Kurs

Das LL.M. Programm der University of London ist weltweit einzigartig. Es wird insgesamt an fünf Colleges der University of London gelehrt: am King's College (KCL), dem University College (UCL), dem Queen Mary and Westfield College (QMW), der London School of Economics (LSE) und der School of Oriental and African Studies (SOAS). Es wird als "intercollegiate programme" durchgeführt, d.h. die Kurse des LL.M. Programms werden von allen beteiligten Colleges gemeinsam angeboten. Daraus ergibt sich die beeindruckende Auswahl aus 145 verschiedenen LL.M.-Kursen, von denen vier zu belegen sind. Das Angebot umfaßt alles, wonach sich des Juristen Seele sehnt, vom Internationalen Finanzrecht bis hin zum Konstitutionellen und Institutionellen Recht der Europäischen Union. Auch solche exotisch anmutenden Fächer wie Vergleichendes Arabisches Handelsrecht, Afrikanisches Familien- und Erbrecht und Ostasiatisches Außenhandels- und Investitionsrecht finden ihren Platz im Kursprogramm. Die Fächer werden jeweils von einem oder mehreren Colleges angeboten, je nach Beliebtheit und Kapazität. Soweit man an einem der Colleges eingeschrieben ist, muß man mindestens zwei der vier gewählten Kurse aus dem Kursprogramm dieses Colleges belegen. Ansonsten besteht eine freie Auswahl und unendliche Kombinationsmöglichkeiten.

 

Die Aufnahmekriterien für das LL.M. Programm sind weitestgehend identisch in den fünf Colleges. Ein Erstes juristisches Staatsexamen mit der Gesamtnote befriedigend sollte in der Regel ausreichend sein, aber es gilt wie überall: je höher die Punktzahl, desto größer die Chance. Zwar ist London als Studienort ausgesprochen begehrt. Ich habe jedoch niemanden getroffen, der Schwierigkeiten mit der Studienplatzvergabe gehabt hätte. Wer nicht zwingend und des wohlklingenden Namens wegen eines der (vermeintlichen) Elite-Colleges, wie King's College oder die LSE besuchen möchte, sondern sich auch durchaus flexibel zeigt, der hat alle Chancen, von der University of London für das Programm akzeptiert zu werden.

 

Neben den akademischen Voraussetzungen ist die Sprachfertigkeit im Englischen nachzuweisen, i.d.R. durch einen IALTS oder einen TOEFL-Test. Die Ansprüche der Londoner sind hier sehr hoch und liegen im internationalen Vergleich, z.B. im Vergleich zu Harvard oder Yale in den USA, weit vorne. Im paper based TOEFL sind 630 von 670 möglichen Punkten nachzuweisen, im computer based 267 von 300. Man sollte sich jedoch nicht abschrecken lassen. Da die wenigsten diese Punktzahlen erreichen, wird man auch mit niedrigeren Punktzahlen akzeptiert. Man bekommt dann jedoch nur einen bedingten Studienplatz, der zum Besuch eines (kostenlosen) Sprachkurses im Anfertigen akademischer Schriftsätze in englischer Sprache verpflichtet. Der Kurs steht allen Studenten offen und ist generell als gute Vorbereitung auf die Examina zu empfehlen. Auch sollte man sich nicht von den ersten Vorlesungen abschrecken lassen. In der Regel versteht man sehr wenig und kann dem Verlauf der Vorlesung nur sehr mühevoll folgen, da die meisten Fachtermini unbekannt sind und der Dozent möglicherweise nicht einmal akzentfrei spricht. Dies legt sich jedoch automatisch, je mehr man sich mit der Materie beschäftigt. Durch kontinuierliches Arbeiten an den  teilweise sehr ausführlichen Leselisten in den einzelnen Kursen bekommt man Übung und macht sich mit vielen Fachausdrücken vertraut, die man daheim in der Schule natürlich nie zu hören bekam. Die alltägliche Kommunikation auf Englisch trainiert ungemein und gegen Ende des Jahres merkt man plötzlich, wie man sogar mit seiner deutschen Muttersprache Probleme bekommt, da man irgendwann begonnen hatte, auf Englisch zu denken. Gerade dies ist, wie mir scheint, der größte Vorteil des Studienjahres. Dies wurde auch deutlich durch die vielen Gespräche, die ich mit verschiedenen Vertretern deutscher Großkanzleien geführt habe. Was vom potentiellen späteren Arbeitgeber am meisten an einem LL.M.-Jahr geschätzt wird, ist weniger die akademische Weiterbildung, als vielmehr die Fertigkeit und Sicherheit, die man im Umgang mit der englischen Sprache erlangt, denn diese wird später zum juristischen Alltag, wählt man die Arbeit in einer internationalen Großkanzlei.

 

Die Vorlesungen in den einzelnen Fächern sind von Kurs zu Kurs verschieden, ebenso wie das eingesetzte Lehrpersonal. Ich persönlich hatte aus dem umfangreichen Kursangebot neben "Legal Aspects of International Finance" und "International Trade Law" Kurse in "International Commercial Litigation" und "International Construction Projects - Contracts and Arbitration" ausgewählt und damit einen breit angelegten Einblick in diverse Aspekte des internationalen Wirtschaftsrechts erhalten, den ich jedermann als maßgeschneiderten Einstieg in die Materie empfehlen kann. Wer sich nicht sicher mit seiner Wahl ist, der hat zu Beginn einige Wochen Zeit, um sich ein ausreichendes Bild zu verschaffen, bevor die endgültige und examensrelevante Kursauswahl zu treffen ist. Sämtliche Kurse sind weniger dogmatisch und theorielastig angelegt, als man dies aus deutschen Hörsälen gewöhnt ist. Nicht selten werden die Vorlesungen zwar von einem bestimmten Dozenten betreut, aber von ständig wechselnden Dozenten gelehrt. In dem zuvor angesprochenen von mir belegten Finanzrechtskurs wurden beispielsweise thematisch alle Bereiche internationalen Finanzrechts systematisch abgedeckt, um den Studenten einen umfassenden Überblick über die alltägliche Praxis im Finanzgeschäft zu geben. Die einzelnen Themengebiete, wie Syndicated Loan Agreements, Eurobonds, Securitisation, Project Finance, Swaps usw. wurden jeweils von international führenden Experten aus den ansässigen Londoner Großkanzleien gelehrt. Die Liste der Dozenten liest sich wie ein Who is Who der internationalen Finanzmarktszene. So wurde z.B. doziert durch Joseph Norton (zugleich Berater des IWF und der Weltbank und Autor und Herausgeber von mehr als 30 Büchern zum Thema Internationales Finanzrecht), Philipp Wood (Allen & Overy), John Edwards (Linklaters & Paines), Schuyler Henderson (Baker & McKenzie), Hugh Pigott (Clifford Chance; Beraterstab der Weltbank und des englischen Premierministers) usw. Neben herausragenden Vorlesungen, die allesamt von praktischen Erfahrungen, Beispielen und Anekdoten durchzogen waren, bekam man auf diese Weise einen einzigartigen Kontakt zu den führenden Kanzleien dieses Geschäfts, die nicht selten mit einer Einladung zu einer Präsentation und einem sich anschließenden kleinen Empfang endeten.

 

Die Kursarbeit erfolgt weitestgehend anhand von Vorlesungen, die je Kurs einmal pro Woche stattfinden und zwei Stunden dauern, so daß man am Ende einer Woche auf lediglich acht Wochenstunden kommt. Dies sollte jedoch nicht täuschen. Sämtliche Kurse werden durch mehr oder weniger umfangreiche Leselisten ergänzt. Wieviel Arbeit man hieran als nötig erachtet, bleibt einem selbst überlassen. Teilweise schrecken die Leselisten selbst schon dermaßen ab, daß man sich nicht die Mühe macht, wirklich alle 300 Seiten der aufgelisteten Literatur durchzuarbeiten, sondern begnügt sich mit einem repräsentativen Teil der Liste. Einige Dozenten vergeben darüber hinaus von Zeit zu Zeit kleine Essays, die jedoch weder obligatorisch anzufertigen sind, noch in irgendeiner Weise in die Benotung eingehen. Die Anfertigung ist dennoch unbedingt zu empfehlen, da man sich zum einen intensiver mit der Materie auseinandersetzt, und das Schreiben der Essays zum anderen die perfekte Vorbereitung für das am Ende zu absolvierende Examen ist. Je mehr man schreibt, desto sicherer fühlt man sich im Umgang mit der Sprache.

Das Vorlesungsjahr beginnt im Oktober und ist in dreimonatige Trimester eingeteilt, die von mehrwöchigen Weihnachts- und Osterferien unterbrochen sind. Auf das Ende des dritten Trimesters folgt eine ca. eineinhalbmonatige Vorbereitungsphase. Daran schließt sich die Examensphase im August und September an. Das Examen besteht aus einer dreistündigen schriftlichen Klausur je Fach. In der Regel hat man die Auswahl zwischen acht und zwölf Fragen, von denen vier zu beantworten sind. Die eigentliche Schwierigkeit besteht in dem enormen Zeitdruck, unter dem man während des Examens steht. Man hat je Antwort rechnerisch 45 Minuten Zeit. Da ist es klar, daß man thematisch weitestgehend an der Oberfläche bleibt. Jedoch ist gerade genug Zeit vorhanden, um die wesentlichen Informationen zu Papier zu bringen. Man hat leider keinerlei Zeit, nachzudenken, so daß der Erfolg davon abhängig ist, wie schnell man zuvor gespeicherte Informationen herunterladen und in fremder Sprache zu Papier bringen kann. Dazu benötigt es eines gewissen Trainings, das man jedoch während des Studiums, nicht zuletzt durch regelmäßige Tutorien und Arbeitsgruppen, erlangen kann. Hier wird noch einmal deutlich, wie wichtig die Sprachfertigkeit letztendlich ist. Wer sich diesem Streß nicht oder nur bedingt aussetzen möchte, der hat die Gelegenheit, in einem Fach anstelle einer Klausur am Ende ein verlängertes Essay von 15.000 Wörtern anzufertigen. Die Themenwahl erfolgt eigenständig in Koordination mit dem Kursleiter. Die Essays sind bereits vor den schriftlichen Examina noch während des eigentlichen Studiums anzufertigen. Im Vergleich zu den Klausuren bringen sie mehr Arbeitsaufwand mit sich, da hier die akademischen Anforderungen entsprechend höher sind. Sie können jedoch ein wenig vor der hektischen Examenszeit bewahren, da mehr Zeit für die Vorbereitung der restlichen drei Klausuren verbleibt. Die Benotung sämtlicher Einzelleistungen erfolgt in Prozentzahlen. Ein "pass" bekommt man ab 50%, ein "merit" ab 60%, und das schwierig zu erreichende "distinction" wird ab 70% vergeben. Die Durchfallquote liegt traditionell sehr niedrig bei ca. 10%. Wer das Programm erfolgreich absolviert, wird mit dem Titel "LL.M.", dem Master of Laws, geehrt, der fortan am Ende des Nachnamens geführt werden darf. Sofern die Fächerauswahl in eine spezielle Gruppe von Fächern fällt, wird der Titel mit einer Spezialisierung, z.B. im Finanzrecht oder im internationalen Wirtschaftsrecht, vergeben.

 

Leider ist die Erlangung dieses Titels nicht gerade billig. Das umfangreiche Kursangebot und die generell sehr gute Betreuung läßt sich die Universität bzw. das jeweilige College dementsprechend entlohnen. Als deutscher Student genießt man den Vorteil der EU-Zugehörigkeit Großbritanniens. Daher wird man dort wie ein "Home"-Student behandelt und zahlt lediglich ein Drittel der Gebühren der Überseestudenten. Dennoch betragen die reinen Studiengebühren für ein Jahr umgerechnet ca. DM 10.000,-. Hinzu kommen die notwendigen Ausgaben für Kopien und Fachliteratur, sofern man letztere käuflich erwerben will. Hier sei darauf hingewiesen, daß die Preise für Studienliteratur in England durchweg höher liegen als in Deutschland. Für die günstigsten Bücher im postgraduierten Bereich sind mindestens DM 50,- anzusetzen. Nicht selten schlägt jedoch Literatur zu stark spezialisierten Gebieten mit mehreren hundert Mark zu Buche, so daß hier die Entscheidung zwischen Kauf und Kopie nicht unbedingt schwer ist.

 

Das Leben in London

Zu den reinen Studienkosten kommen dann noch einmal die Lebenshaltungskosten für ein Jahr. Auch diese sind erheblich, bedenkt man sowohl den regelmäßig ungünstigen Wechselkurs zum britischen Pfund als auch den Hauptstadtzuschlag Londons. Die Miete in einem der collegeeigenen Studentenwohnheime liegt für ein kleines Zimmer (ca. 15 m²) bei ca. DM 160,- bis DM 200,- pro Woche. Die Unterbringung in meinem Wohnheim erfolgte in Wohnungen mit vier oder sechs Bewohnern. Jeder Student bewohnt dort sein eigenes Zimmer mit Waschgelegenheit. Küche, Toilette und Badezimmer werden von allen Bewohnern der Wohnung geteilt. In dem hohen Mietpreis sind daher auch tägliche Reinigung der gemeinsam genutzten Räume sowie wöchentliche Reinigung des eigenen Zimmers enthalten. Wer lieber privat auf Wohnungssuche gehen möchte, bekommt auch hierin tatkräftige Unterstützung durch das College. In der Regel ist es kein Problem, in der Nähe des Colleges private Unterkünfte zu finden. Allerdings sei hier darauf hingewiesen, daß die Ersparnis gegenüber den Studentenwohnheimen nicht allzu üppig ausfällt, da auch diese Unterkünfte im Vergleich zum deutschen Markt ungemein teuer sind. Unter DM 150,- je Woche ist kaum etwas zu finden. Auch die Ausstattung und Reinigung der Räumlichkeiten, die in den Studentenwohnheimen durchweg recht gut sind, sollte bei der Suche nach einer Unterkunft bedacht werden. Insgesamt sind die Kosten für ein Jahr in London somit sehr hoch. Zusammen mit den Studiengebühren, Transport (U-Bahn in die Innenstadt etc.) und allgemeinen Lebenshaltungskosten kommen mindestens schon einmal DM 30.000,- zusammen. Je nachdem, wieviel Luxus man sich in der Freizeit noch gönnt, erhöht sich dieser Betrag noch leicht um den einen oder anderen Tausender. Aber wer will schon auf das Bier mit Freunden im Pub, den Besuch in der Modern Tate Gallery oder den neuesten Hollywood-Kassenschlager im Kino um die Ecke verzichten. Zwar werden sowohl vom College selber als auch von zahlreichen Institutionen in Deutschland und Großbritannien Stipendien vergeben. Allerdings ist die Zahl der Bewerber entsprechend der Attraktivität Londons sehr hoch, so daß z.B. bedürftige Bewerber aus Entwicklungsländern aus gutem Grund Vorrang genießen.

 

Wer sich letztendlich für das Leben in einem Wohnheim entscheidet, genießt den Vorzug der Internationalität. Es ist eine der aufregendsten Erfahrungen, gemeinsam mit einer Vielzahl von Nationen unter einem Dach zu leben. Gerade in London trifft dieser Satz zu. Es gab, wie auch schon in den Kursen, kaum eine Nation, die in den Wohnheimen nicht vertreten war. In der Regel trifft man auf eine hohe Anzahl deutscher, italienischer und griechischer Studenten, die allesamt den größten Anteil am LL.M. Kurs stellen. Aber auch Vertreter aus afrikanischen, asiatischen, osteuropäischen und vielen anderen Ländern bilden mit den zuvor genannten eine bunte Gemeinschaft. Da alle im gleichen Boot sitzen, ist es unschwer, neue Freundschaften zu schließen. Die Gemeinschaft ist meistens so stark, daß man kaum einen Abend verbringt, ohne daß man mit einigen Freunden die heimischen Kocherfahrungen ausgetauscht oder einen kleinen Drink im Pub um die Ecke genommen hat. Dies alles trägt ungemein zu einer angenehmen Athmosphäre beim Studium bei. Nicht selten endete ein gemeinsames Abendessen mit einer spontanen kleinen Party des halben Wohnheims, sehr zum Unfrieden der Reinigungskräfte.

Im akademischen Bereich bietet das Studium hervorragende Kontakte zu Akademikern und Fachleuten aller ortsansässigen Institutionen. Die Colleges oder die University of London Postgraduate Law Society bieten postgraduierten Studenten nicht selten die Möglichkeit, an fachspezifischen Kongressen teilzunehmen, deren Besuch unbedingt empfehlenswert ist, allein schon, um einmal die Athmosphäre bei einer solchen Veranstaltung kennenzulernen, aber auch um neue Kontakte zu knüpfen. Der Kontakt zu den Dozenten der Kurse bietet nicht selten Verbindungen zu der einen oder anderen juristischen Vereinigung, zu den Gerichten oder den Botschaften. Letztere haben es sich gelegentlich nicht nehmen lassen, alle Studenten des Programms zu kleinen Empfängen einzuladen. Als deutscher Student wird man darüber hinaus regelmäßig von deutschen Großkanzleien (über die entsprechende englische Partnerkanzlei) zu Rekrutierungsveranstaltungen eingeladen. Da an Juristen mit Auslandserfahrung offenkundig ein Mangel im internationalen Geschäft besteht, versuchen diese Kanzleien, frühzeitig an die Studenten heranzutreten und ihnen – je nach Stand der Ausbildung – entweder einen Referendariatsplatz zuzusagen oder sie zu ermutigen, sich für die Tätigkeit als Anwalt in ihrer Kanzlei zu bewerben. Wer Interesse an einer solchen späteren Tätigkeit hat, bekommt hier eine einmalige Gelegenheit, seinen Namen zu hinterlassen. Die Veranstaltungen sind durchweg in noblem Rahmen gehalten, meistens eingeleitet durch eine kurze Präsentation der Kanzlei und ihrer Tätigkeit und die spätere Gelegenheit zu Gesprächen in kleinem Kreis bei einem kleinen Imbiß und Getränken. Wer das LL.M.-Studium als Karrierechance begreift, kann hier seine akademische Laufbahn geplant vorantreiben.

Aber es sollte nicht vergessen werden, daß das Akademische zwar ein wichtiger Teil, aber eben nur ein Teil der Auslandserfahrung ist. Wer sich auf das Studium konzentriert, wird auch genug Zeit finden, das Leben außerhalb der Universität zu genießen. Und hier hat London eine Menge zu bieten. Neben den unzähligen Galerien, Museen, Theatern und anderen Sehenswürdigkeiten, die in jedem besseren Reiseführer der Hauptstadt minutiös verzeichnet und aufgelistet sind, bietet London viele kleine Juwele, die es zu erforschen gilt. Da das Angebot schier unüberschaubar ist, möge jeder selber vor Ort auf die Suche nach der richtigen Unterhaltung gehen. Unbedingt zu empfehlen sind die Erkundung der sehr verschiedenartig geprägten Stadtviertel Londons sowie gelegentliche Besuche in den zahlreichen Restaurants mit exotischen Küchen (wer schon immer einmal ein Abendessen mit einer erithreischen Kaffeezeremonie beenden wollte, darf sich gerne bei mir eine Empfehlung abholen). Auch zahlreiche temporäre Veranstaltungen, wie Ausstellungen, Konzerte oder special screenings in den Kinos sind wärmstens zu empfehlen. Das Time-Out Magazin steht einem hier Woche für Woche bei der Auswahl zur Seite.

 

Daneben werden zahlreiche Begegnungen mit Kursteilnehmern anderer Colleges durch die University of London Postgraduate Law Society oder die Colleges selber organisiert. So werden z.B. regelmäßig Parties, Bootsfahrten, Barbecues und andere Veranstaltungen durchgeführt, die die Kontakte untereinander stärken und die Anonymität der Großstadt und der Universität verschwinden lassen.

 

Die Erfahrung eines Jahres

Zusammenfassend ist hier nicht mehr viel zu sagen. Viele Erfahrungen und Eindrücke sind, wie ich hoffe, bereits durch die Beschreibung des Auslandsjahres und seines Umfeldes deutlich geworden. Die hohen Kosten stellen ein natürliches Hindernis dar, aber das LL.M.-Jahr in London ist unbestritten die Mühe wert. Die Erfahrungen, die man hierbei sammelt, sind unbezahlbar. Ohne überheblich klingen zu wollen: wer von einer durchschnittlichen deutschen Universität für ein Jahr nach London wechselt, der wechselt nicht nur den Studienort, der wechselt auch die Spielklasse. All das zuvor Beschriebene kennenzulernen ist insgesamt eine beeindruckende Erfahrung, und nicht wenige waren hiervon so begeistert, daß sie daheim die Zelte abbrachen und einfach in London blieben. Auch ein Studium an einer Elite-Universität wie Oxford oder Cambridge kann aus akademischer Sicht hervorragend sein und einen Karriereschub bedeuten. Es wird jedoch nie mit einem Studienaufenthalt in London vergleichbar sein. Es sind die vielfältigen Eindrücke, die herausfordernden Kurse, die fremden Sprachen und Kulturen um einen herum, die ungewohnten Gerüche, die zahlreichen Kontakte beruflicher und privater Natur, die das Jahr besonders werden lassen. Wer sich vom anfänglichen Schock des Ungewohnten befreit hat, der wird feststellen, daß das Programm und seine Teilnehmer nach kurzer Zeit zu einem Stück Heimat geworden sind. Die Freundschaften waren am Ende des Jahres zahlreich, und mit ein wenig Glück werden einige von ihnen die Jahre überdauern. Die Erfahrung eines Jahres in London bleibt einem jedenfalls ein Leben lang gewiß.